Kolumbien nach dem Friedensvertrag

Die Plazoleta de Botero und das Museum von Antioquia in der Millionenstadt Medellin, die 2013 vom Urban Land Institute zur „innovativsten Stadt der Welt“ gewählt wurde. Sie übertraf damit Metropolen wie New York und Tel Aviv. Foto: Medellin Convention & Visitors Bureau

 

Seit Dezember 2016 herrscht in Kolumbien offiziell Frieden. Regierung und Rebellen haben mit dem Friedensabkommen den Weg für ein friedliches und wirtschaftlich stabiles Land geebnet.

Ein gutes halbes Jahrhundert währte die Zeit der politischen Gewalt in Kolumbien, der mehr als 220.000 Menschen zum Opfer fielen. Mit dem Jahresende von 2016 begann endlich eine neue Ära: Das Friedensabkommen wurde besiegelt und die verbleibenden rund 6.000 FARC-Kämpfer (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) aufgefordert, ihre Waffen abzugeben. UN-Blauhelme überwachen nun diesen Prozess. Die Waffen werden eingeschmolzen, zu Skulpturen verarbeitet und am Sitz der UN in New York aufgestellt, ebenso wie in Kuba, wo die Friedensverhandlungen stattgefunden haben, und in Kolumbien. Dennoch: Die Wiedereingliederung der nun ehemaligen Rebellen in eine Zivilgesellschaft ist keine leichte Aufgabe für das Land und die Menschen. Noch wird darum gerungen, dass andere Rebellengruppen – wie die ELN (Ejército de Liberación Nacional) – sich diesem Prozess anschließen.

Ungeachtet dieser Schwierigkeiten hat mit dem Friedensabkommen in Kolumbien eine neue Zeitrechnung begonnen – eine mit mehr Platz für soziale Gerechtigkeit und Stabilität. So dürfen die Ex-Guerilleros der FARC eine eigene Partei gründen, um ihre Forderungen für eine gerechtere Landverteilung und Unterstützung der armen Landbevölkerung statt mit Waffengewalt im politischen Prozess einer Demokratie durchzusetzen. Das wird in einem Land, in dem Einkommen und Vermögen im regionalen und globalen Vergleich extrem ungleich verteilt sind, nicht leicht werden. Gemessen mit dem Gini-Index, einem statistischen Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen, gehört Kolumbien zu den zehn Ländern mit der höchsten Ungleichheit. Umso wichtiger ist es, die Wirtschaft des Landes zu stabilisieren und fair entlohnte Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Weg ist noch weit. In der Region Vichada forstet ForestFinance schon seit Jahren ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen mit Akazien auf – fair entlohnt und nachhaltig.

Gute Aussichten für Kolumbiens Wirtschaft

Jetzt, da der Fahrplan steht, und Kolumbien eine Steuerreform durchgeführt hat, welche die Staatseinnahmen unabhängiger von den Rohstoffpreisen machen soll, rechnen die Analysten des Germany Trade & Invest (GTAI) mit mehr Investitionen, Preisstabilität und steigendem Konsum, wodurch auch der Außenhandel gestärkt wird. Wie ökologisch und sozial diese Entwicklung sein wird, hängt von den Investoren ab. Der Staat setzt auf den Ausbau der Infrastruktur, vor allem auf den der Autobahnen, Schiffs- und Flughäfen, aber auch auf grünes Wachstum. So hat die Regierung ein massives Förderprogramm für regenerative Energien wie Solar, Wind und Biomasse beschlossen. Das erfuhren wir u. a. von der Botschafterin Kolumbiens, als sie die ForestFinance-Büros in Bonn besuchte (das Interview können Sie in der ForestFinest 1/17 lesen).

Nachhaltige Wirtschaft Kolumbiens hängt auch von Deutschland ab

 

Der Film „La Buena Vida“ erzählt vom Widerstand einer indigenen Dorfgemeinschaft im kolumbianischen Regenwald, die sich der Umsiedlung für den größten Kohletagebau der Welt widersetzt. Unbedingt ansehen!

Bislang trägt Deutschland zur Zerstörung des kolumbianischen Regenwalds bei – ebenso wie viele andere Industriestaaten, die Rohstoffe aus Kolumbien importieren. Kolumbiens Wirtschaft ist abhängig von Öl-, Kohle- und Kaffee-Exporten. Zusammen genommen machen diese mehr als 50 Prozent der Gesamtexporte aus und werden 2017 dank steigender Kohlepreise wahrscheinlich noch zunehmen. Für die Wirtschaft des Landes bedeutet dies zwar Wachstum, für die Umwelt allerdings eine zerstörerische Belastung. Denn Kolumbien ist – wie die meisten Länder – noch weit entfernt von einer ökologischen Marktwirtschaft.

Uns zurücklehnen und bedauernd den Kopf schütteln können wir in Deutschland allerdings nicht, denn wir profitieren von Kolumbiens Raubbau: Kolumbien ist Deutschlands drittgrößter Steinkohlelieferant, direkt nach Russland und den USA. Der Import war und ist der Wirtschaft offenbar wichtiger als soziale Gerechtigkeit oder Umweltschutz. Als ganze Dörfer dem Bergbau geopfert und tausende Menschen von ihrem Land vertrieben wurden, haben Deutschland und die Welt weggesehen und die Kohle gekauft. Auch jetzt setzt die kolumbianische Regierung in ihrem Nationalen Entwicklungsplan auf den Bergbau als „Lokomotive des Fortschritts”. Man kann nur hoffen, dass sich dank der Vereinbarungen im Friedensabkommen eine starke politische Opposition bildet, die sich für Menschen- und auch Umweltrechte einsetzt.

Mehr über Kolumbien finden Sie in unseren Lese-Tipps:

  • Was bewegt die Menschen nach dem Abschluss des Friedensvertrags? Das Jona.Mag der Konrad-Adenauer Stiftung erzählt die Geschichte von Menschen, die am Wendepunkt stehen.
  • Wie die Angehörigen der FARC mit dem Ende des Kriegs umzugehen lernen schreibt Spiegel Online.
  • Über den Kohleabbau in Kolumbien und darüber, wie deutsche Energieanbieter vom Raubbau in Lateinamerika profitieren berichten Deutschlandfunk und Spiegel Online.
  • Mehr über den mehrfach ausgezeichneten Film, „La Buena Vida“, der die Auswirkungen des Kohle-Abbaus auf die Menschen Vorort porträtiert, finden Sie hier.
  • Wer das „neue“, friedliche Kolumbien als Reiseziel ins Auge gefasst hat, der kann sich mit diesem Reisebericht der Deutschen Welle schon einmal einstimmen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .