Zustand der Erde lässt Wissenschaftler verzweifeln

Foto: Gerd Altmann/Pixabay

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem ForestFinest-Magazin aus dem Jahr 2015. Aus gegebenem Anlass veröffentlichen wir ihn nun erneut.

Der Australier Joe Duggan hat seinen Master in Wissenschaftskommunikation am Australian National Centre for Public Awareness of Science (CPAS) gemacht und beschäftigt sich seit Jahren mit verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten. Der Klimawandel fasziniert ihn besonders, weil er jedes einzelne Lebewesen auf dem Planeten direkt beeinflusst und dennoch so weit weg scheint. Sein Projekt „Is this how you feel?“ (ITHYF), an dem zahlreiche renommierte KlimaforscherInnen teilgenommen haben, um uns zu sagen, wie sie sich fühlen, sorgt nicht nur in Australien für Aufsehen, sondern stößt auch  in sozialen Netzwerken auf viel Resonanz. Zu Recht.

Im Interview mit ForestFinance-Redakteurin Kristin Steffan erklärt er, warum Gleichgültigkeit die größte Gefahr für das Klima sein könnte.

Wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Während meines Studiums am CPAS erkannte ich erschrocken, dass ein Großteil der Weltbevölkerung nicht überzeugt ist, dass der Klimawandel real und durch die Menschheit verursacht ist. Es hat mich wütend gemacht, zu entdecken, dass da draußen Gruppierungen aktiv Fehl­informationen streuen und künstlich Verunsicherung erzeugen. Noch beunruhigender aber war, dass der Klimawandel so vielen Menschen gleichgültig ist. Vielleicht ist er ein paar Leuten einfach egal. Vielleicht sind sie unberührt im Angesicht der nüchternen und sterilen Fakten. Vielleicht haben sie mit Problemen im Leben zu kämpfen, die ihnen dringlicher erscheinen. Woran auch immer es liegt, für mich ist die Gleichgültigkeit eine der gefährlichsten Haltungen gegenüber dem Klimawandel.

„Wenn es so weiterläuft, steht die Welt in Flammen“ – im Video haben Redakeure der ZEIT Wissenschaftler zu ihren Emotionen angesichts des kritischen Zustands der Erde befragt.

Was waren die ersten Reaktionen der Wissenschaftler, die Sie angeschrieben haben?

Die Mehrheit der Forscher, die meine Anfrage beantworteten, war extrem interessiert an dem Projekt und gespannt auf die Antworten ihrer Kollegen. Es war für viele das erste Mal, dass sie jemand fragte, wie sie sich fühlen. Wissenschaftliche Forschung ist objektiv, oft emotionslos. Das muss so sein. Aber ich habe nicht verlangt, dass sie ihre Forschung von Gefühlen beeinflussen lassen sollten, sondern dass sie ehrlich darüber sprechen sollten, wie sie sich selbst angesichts der Forschungsergebnisse fühlten. Ich glaube, dass sie froh über diese Chance waren. Ein Teilnehmer, Professor Brendan Mackey, erzählte mir, dass er schon seit fast zehn Jahren keinen Brief mehr geschrieben hatte. 

Die Briefe der frustiererten Wissenschaftler, abgedruckt in der ForestFinest 2/2015.

Hat Sie der Inhalt der Briefe, die Sie zurückerhalten haben, überrascht?

Etwas, das mich überraschte, als ich die vielen Briefe für das Projekt sammelte, war die große Bandbreite von Gefühlen, die von den Wissenschaftlern ausgedrückt wurde. Ich hatte erwartet, dass die Angst vorherrschen würde. Sicherlich haben einige Wissenschaftler gesagt, dass sie ängstlich oder sogar wütend seien. Aber viele haben auch Optimismus gezeigt. Viele Forscher hoffen immer noch, dass wir als globale Gemeinschaft zusammenarbeiten und diese Katastrophe abwenden können.

Wie würden Sie selbst Ihre Frage beantworten „Was fühlen Sie angesichts des Klimawandels“?

Ich fühle mich besorgt: Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Nicht im nächsten Jahrhundert, im nächsten Jahrzehnt oder morgen. Jetzt.

Ich fühle mich beunruhigt. Ich will nicht in 50 Jahren zurückblicken und meinen Kindern sagen, dass ich nichts getan habe.

Ich fühle mich machtlos. Ich sollte mich nicht so fühlen. Ich bin in einer Position, in der ich so viel tun kann. Lobbyismus, Recycling, eine Solaranlage einrichten, meinen persönlichen CO2-Fußabdruck reduzieren, für den Wandel kämpfen.

In schwachen Momenten fühle ich mich überwältigt. Das ist verständlich. Der Klimawandel ist ein großes Problem. Der Schlüssel ist es, sich nicht davon abhalten zu lassen, sondern auf eine Lösung zuzuarbeiten.

Ich fühle mich ermutigt, wenn ich mit Leuten spreche, die sich früher nicht um den Klimawandel gekümmert haben, aber, nachdem sie diese Briefe lasen, zumindest denken, dass dieses Problem mehr Aufmerksamkeit verdient.

Ich fühle mich hoffnungsvoll, wenn ich die Fortschritte in der Grundlagenforschung sehe. Wenn Menschen ihren Standpunkt vertreten, Gemeinschaften zusammenwachsen um Schritte gegen den Klimawandel zu unternehmen, unabhängig davon, was ihre Regierungen wollen.

Was würden Sie den Leugnern des Klimawandels gerne sagen?

Ich habe oft gesagt, dass die Leugner nicht diejenigen sind, die ich erreichen möchte. Aber … Ich würde sie fragen, was ihnen wichtig ist, wofür sie sich interessieren. Fischengehen, ihre Arbeit, ihre Familien. Ich würde versuchen, eine Gesprächsbasis zu finden. Dann würde ich zeigen, wie der Klimawandel diese Dinge, die ihnen wichtig sind, beeinflusst. Wenn Daten und Kurven sie nicht beeindrucken können, dann vielleicht Einschränkungen ihres Lebensstils oder die Zukunft ihrer Kinder. 

Was wünschen Sie sich für Ihr Projekt?

Ich möchte, dass ITHYF weiterwächst und noch mehr Gleichgültige und Untätige erreicht.

Ich hoffe, dass das Projekt nicht nur eine breite Öffentlichkeit erreicht, sondern auch Wissenschaftlern zeigt, dass es mehr als einen Weg gibt, über den Klimawandel zu reden. Wenn wir mehr Experten motivieren, über neue und verschiedene Kanäle zu kommunizieren, haben wir die beste Chance, die Untätigen zu erreichen. Wir hören auch nach wie vor gerne die Meinungen anderer Menschen. Sie können ebenfalls Briefe schreiben und sie an @ITHYF_Letters twittern.

Online Redaktion | Übersetzung | kristin.steffan@forestfinance.de

Kristin Steffan schreibt seit mehr als zehn Jahren für ForestFinance – am liebsten über Themen rund um Umweltpädagogik, Klimaschutz und Biodiversität.

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