Filmtipp: Wer wir waren

Was werden zukünftige Generationen über uns denken, wenn wir bereits Geschichte sind? Mit dem Kinofilm WER WIR WAREN blicken wir auf den gegenwärtigen Zustand der Welt und fragen uns im Geiste von Willemsens Vermächtnis, ob sie an uns verzweifeln werden. Sechs DenkerInnen und WissenschaftlerInnen reflektieren die Gegenwart und blicken in die Zukunft. Wir verlosen auf auf unserer Facebook-Seite 3 x 2 Kinokarten für den Film, der ab dem 8. Juli in ausgewählten Kinos läuft!

Schönheit und Zerstörung: Der Trailer zu „Wer wir waren“. © X Verleih 2021

Produzent, Regisseur und Autor Marc Bauder begleitet seine GesprächspartnerInnen in die Tiefen des Ozeans, über das Dach der Welt, bis in die Weiten des Weltraums und beleuchtet dabei die unglaublichen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns, einen globalen Wirtschaftsgipfel, das Erbe der Kolonialisierung und die Gefühle eines Roboters.  

Dieser inspirierende Blick auf unsere Welt hält eine hoffnungsvolle Botschaft für uns alle bereit: Wir selbst haben es in der Hand, wer wir sind, wenn wir unsere Verbundenheit, unsere Gemeinsamkeit, unser ›Wir‹ erkennen. 

WER WIR WAREN ist ein intensives Treffen mit sechs bedeutenden DenkerInnen und WissenschaftlerInnen unserer Zeit: Alexander Gerst (Astronaut), Dennis Snower (Ökonom), Matthieu Ricard (Molekularbiologe und Mönch), Sylvia Earle (Ozeanologin), Felwine Sarr (Ökonom, Soziologe und Philosoph) und Janina Loh (Philosophin und kritische Posthumanistin). 


Interview mit Autor und Regisseur Marc Bauder

Wo sehen Sie WER WIR WAREN innerhalb Ihrer Filmografie? Ist es einfach das nächste Projekt oder
doch etwas Besonderes?

Marc Bauder: Jede Arbeit beschreibt den Zustand des Filmemachens, in dem ich mich zu einem
bestimmten Zeitpunkt meines Lebens befunden habe. Im Falle von WER WIR WAREN gibt es
allerdings einen gravierenden Unterschied zu früheren Arbeiten. Während ich mich bislang vor allem
monothematisch mit Menschen beschäftigt habe, die in politischen und wirtschaftlichen Systemen
funktionieren oder sich dagegen auflehnen, war es jetzt an der Zeit, mich mit verschiedenen
Perspektiven auf unsere Welt zu befassen und diese zu einem holistischen Bild zu verknüpfen. Es
ging mir darum zu zeigen, dass es sehr viele Menschen gibt, die längst auf dem Weg sind, sich aktiv
auseinanderzusetzen und ähnliche Fragen haben wie ich, ganz gleich auf welchem Gebiet sie tätig
sind oder wo sie leben.

Es geht vor allem um ProtagonistInnen, nicht AntagonistInnen. Und doch beginnt WER WIR WAREN mit
Zustandsbeschreibungen eher negativer Art.

Marc Bauder: Ja, aber der Film öffnet sich danach. Er legt Kanäle. Es gibt in der Situation, in der
wir uns befinden, grundsätzlich zwei Varianten: Man bringt Energie auf, um sich an Menschen und
Themen abzuarbeiten, die im Grunde negativ sind oder man zeigt auf, dass wir keine Zeit mehr haben
zu warten, bis sich die anderen ändern. Es geht also um den Einzelnen und nicht um „die da“. Ich
wollte den Spiegel drehen, denn auch wir sind „die“ und können „die“ und uns ändern, indem wir bei
uns selbst anfangen.

Astronaut Alexander Gerst. © X Verleih 2021

Ein Film als Forschungsreise?

Marc Bauder: Unbedingt, auch für mich selbst! Denn es gibt heute ja diesen einen großen Unterschied
zu früheren Generationen: Wir verfügen über Informationen, die es vor Jahren nicht gab. Wie kann
ich diese Informationen also vernetzen und Menschen aus ihrer Passivität abholen?

Ist die Neugier auf Menschen eine stärkere Triebfeder für Sie als die Neugier auf
Themen?

Ich glaube, dass wir alle von Natur aus, ich nenne sie mal, Interessenspflänzchen in uns tragen.

Marc Bauder: Ich glaube, dass wir alle von Natur aus, ich nenne sie mal, Interessenspflänzchen in uns tragen. Welche wir davon pflegen und welche nicht, wird stark durch unser Umfeld geprägt. Dabei müssten wir uns eigentlich stärker damit beschäftigen, wer wir wirklich sind. Wie funktioniert
Prägung? Was von uns ist durch vermeintliche Erwartungshaltungen von außen entstanden? Was davon sind wir originär selbst? Für die Herausforderungen, die auf uns als Menschheit zukommen werden,
könnte die Antwort auf diese Fragen ein wichtiger Anfangspunkt sein.

Also geht es in WER WIR WAREN vor allem auch ums Suchen?

Marc Bauder: Ich habe versucht, Protagonistinnen und Protagonisten zu finden, die durch ihre
verschiedenen Facetten meine eigene Suchbewegung aufnehmen. Die in ihrer Haltung und
Auseinandersetzung offen und selbst auf der Suche sind, Fragen stellen und nicht gleich mit
Antworten daher kommen. Die im Laufe ihrer persönlichen Entwicklung herausgefunden
haben, wie wichtig Verknüpfung und Kooperation ist.

Frauen und Männer sind es, die auch eigene Fehler auf diesem Weg eingestehen.
Der Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower ist da ein gutes Beispiel …

Marc Bauder: Ein Leuchtturm sogar! Er gibt im Film unumwunden zu, dass er sich zu lange auf eine
ökonomische Theorie konzentriert und dabei nicht realisiert hat, dass Ökonomisches,
Psychologisches und Soziales nicht frei voneinander funktionieren können. Dennis Snower lässt es
zu. Er hat den Mut, sich zu öffnen und ist dadurch in seinem Wirken nicht etwa am Rand gelandet,
sondern immer noch mittendrin im Kreis der angesehenen Spezialisten. Er berät die deutsche
Kanzlerin genauso wie die G20, man umgibt sich außerordentlich gern mit ihm und sucht seinen Rat.
Das ist für mich ein sehr ermutigendes Bild. Denn sich anderen gegenüber zu öffnen und Perspektiven
zu ändern, endet nicht automatisch mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft, sondern eröffnet ganz
neue Wege.

Alle sechs Protagonistinnen und Protagonisten sind geübt und professionell im Umgang mit Medien. Was war nötig, um den Schritt weiter zu gehen, also nach den Menschen hinter Statements zu suchen?

Marc Bauder: In erster Linie war Vertrauen die Grundlage. Dass sie gespürt haben, dass wir mit dem Film einen tieferen Ansatz verfolgen und es eben nicht um reflexartige Statements geht. Alle sechs haben sich darauf eingelassen, darüber waren wir im Team sehr glücklich.

Szene aus WER WIR WAREN. © X Verleih 2021

Was war wichtig bei der Auswahl der Porträtierten?

Marc Bauder: Ich wollte meine Fragestellungen auffächern, Echoräume und Projektionsflächen im Spannungsfeld zwischen Natur, Wissenschaft und Technologie schaffen, räumlich beispielsweise durch den Blick des Astronauten von oben und einer Meeresforscherin von unten. Auch kann man nur bedingt einen aktuellen Film über den Zustand der Welt machen, ohne die Perspektive aus Afrika oder Geschlechter- und Altersfragen einzubinden.

[Mit dem] Blick des Astronauten von oben und einer Meeresforscherin von unten.

Die Essenz von WER WIR WAREN ist nicht so sehr die nächste fundamental neue Information, sondern die Anregung zu einem persönlichen Perspektivwechsel. War das ein nächster Ausgangspunkt?

Marc Bauder: Ja, weil es uns so schwer fällt, die Augen wirklich offen zu halten, aus dem eigenen Kontext hinauszusehen und innezuhalten, anstatt uns weiter dahingehend zu konditionieren, auf immer wieder neue Ereignisse zu reagieren und schnellstmögliche Urteile zu fällen. Man kann ja immer auch die Geschichte zu Rate ziehen, um zu merken, dass es beileibe keine gänzlich neuen Ausnahmesituationen sind, in denen wir uns heute befinden. Krisen hat es immer gegeben.

Roger Willemsen beschreibt es in seiner „Zukunftsrede“ mit den Worten: „Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung.“ Wie sind Sie an Willemsen angedockt?

Marc Bauder: Ich kam auf jeden Fall nicht aus der Willemsen-Ecke. Er war für mich im Grunde der extrem kluge Mann aus dem Fernsehen. Das Konzept für den Film existierte bereits, als mir sein Buch „Wer wir waren“ in die Hände fiel. Ich war von Willemsens präziser und klarer Art, den Zustand der Welt zu reflektieren, sofort angetan. Dass ein Bewerten unseres Tuns aus der Zukunft heraus den Fokus auf die Gegenwart schärfen kann, ist einfach eine wunderbare gedankliche Brücke. In dem, wie Roger Willemsen seine Worte in eine zwar appellartige, jedoch nie anklagende Form bringt und Verknüpfungen herstellt, glaubte ich sofort, einen Verbündeten gefunden zu haben.

Zu den Orten im Film, die eine wichtige Funktion haben: Worte bekommen eine viel stärkere Wirkung, weil sie nur selten in Interviewsituationen gesprochen werden, sondern indirekt – im Orbit, in Japan, unter Wasser, in Senegal oder auf Konferenzen. Waren die Ortswechsel von vornherein Teil Ihrer künstlerischen Intention oder haben sie sich ergeben?

Die Reisen stehen für meine eigene Suchbewegung.

Marc Bauder: Die Reisen stehen für meine eigene Suchbewegung. Ich wollte Menschen zeigen, die Dinge in ihren eigenen Lebenswelten reflektieren. Ich fand dabei wichtig, mich als Regisseur zu ihnen hinzubewegen und sie nicht einfach in meinen Kontext zu holen. Das entspricht meinem Wunsch, durch das Verlassen des eigenen Umfelds neue Perspektiven zu bekommen und neue Blicke zuzulassen.

Nun konnten Sie freilich nicht zur ISS fliegen. Aber auch Alexander Gerst zeigt sich in WER WIR WAREN als Mensch in einer Suchbewegung, entspricht also eins zu eins Ihrem Konzept. Hatte er einen konkreten Auftrag von Ihnen?

Marc Bauder: Er wusste vom Projekt, als er gestartet ist, hat aber nichts Expliziertes dafür gefilmt oder eingesprochen. Ich bekam zudem Zugang zu allem Material, das er auf seiner ersten Mission gedreht hat. Wenn man so wie ich die Möglichkeit dazu hat, dieses Material sorgfältig und mit Ruhe und Intensität auszuwerten, dann finden sich eben nicht nur spektakuläre Bilder von oben auf die Erde oder des Abkoppelns einer Raumkapsel von der ISS, sondern auch diese Momente, in denen Alexander Gerst Gedanken formt, durch Pausen versucht, sie verbal zu fassen. Ich bin als Betrachter also dabei, wenn er sie greift. Es ist nicht retrospektiv. Es war wie eine eigene Forschungsreise, auf die ich mich beim Sichten begeben habe. Ähnlich ist es bei der Tiefseeforscherin Sylvia Earle. Informationen, die ich vielleicht schon kenne, kommen durch die Art, wie und wo sie gesprochen werden, ganz neu an mich heran.

Mit Felwine Sarr gehen Sie an seine Orte im Senegal, Janina Loh spricht auf einer Zugfahrt in Japan in ihr Smartphone. Was davon ist inszeniert, was initiiert?

Marc Bauder: Ich versuche in der Recherche stets, so viel Zeit wie möglich mit den Protagonistinnen und Protagonisten zu verbringen und dabei auch meinen Kameramann Börres Weiffenbach einzubinden, um Drehsituationen zu finden, die sie interessieren, abspiegeln und zum Reflektieren anregen können. Es ist also ein Initiieren, kein Inszenieren. Bei Felwine Sarr war mir wichtig, dass ich als Regisseur eher defensiv der Fragende bin, mit ihm an Orte gehe und Menschen treffe, die er auswählt und die ich sehen soll, damit ich dann im Film darauf reagieren kann. Janina Loh habe ich beim fünftägigen Dreh in Japan eine einzige Frage gestellt. Sie ist einfach ein Mensch, der ständig mit sich unterwegs ist und sich selbst befragt.

Das Treffen zwischen Dennis Snower und Matthieu Ricard in Nepal war dann aber schon ein Geschenk, oder?

Marc Bauder: Unbedingt! Ein Geschenk vor allem, weil es ein Gespräch zwischen den beiden ist und sie sich auf ihrem eigenen intellektuellen Level begegnen, neugierig auf den anderen sind und ihre Perspektiven dabei immer wieder neu nachjustieren. Ich hatte Dennis Snower gefragt, ob es einen Menschen außerhalb seines Kontextes gibt, mit dem er sich gern mal austauschen mag. Er nannte Matthieu Ricard, der wiederum großes Interesse hatte, Snower zu treffen. Ich habe also nur die Brücke gebaut.

Was war bei der Montage von WER WIR WAREN wichtig? Immerhin gibt es sechs Menschen mit zum Teil langen Pausen zwischen ihren Szenen.

Marc Bauder: Der Editor Stefan Stabenow und ich wollten von Anfang an mit größeren emotionalen Bögen und wiederkehrenden Ankerpunkten arbeiten, um auch die Suchbewegungen der Zuschauer hin zu Tiefe oder einem Perspektivwechsel anzuregen. In den ersten 15 Minuten versuchen wir, das Thema komplett aufzureißen, den Menschen im Spannungsfeld zwischen dem Schönen und Krassen seines Wesens zu zeigen. Der Betrachter soll hier aufgerüttelt und wach gemacht werden. Danach wird dieses Spannungsfeld beleuchtet und dekliniert: Wo steht der Planet? Was macht uns auf diesem Planeten aus? Schließlich geht es um unseren Anteil an Veränderung, darum, wie es gelingen kann, uns selbst und den Weg zum Wir zu finden.

Der Betrachter soll hier aufgerüttelt und wach gemacht werden.

Was kann diese essayistische Form des Dokumentarischen gegenüber einem eher auf Themen fixierten Film schaffen?

Marc Bauder: Den emotionalen Zugang zu legen, der den Zuschauer für Inhalte öffnet. Zu sagen, dass es gut ist, Fragen zu haben und nicht alles zu wissen. Brücken zu bauen, um sich mit dem einen oder anderen Protagonisten näher zu beschäftigen. Uns mangelt es nicht an der erhöhten Schlagzahl von Information, es mangelt uns eher an Pausen, um Information und Wissen, das wir längst haben, zu reaktivieren und zu verknüpfen. Es geht in einem Film immer darum, die beste Form für ein Thema zu finden. Bei WER WIR WAREN ist es eine sehr emotionale. Kunst kann es schaffen, über die Emotionalisierung des Gemeinschaftsgefühls eine Aktivierung anzuregen, fernab davon, ganz konkrete Lösungen anzubieten.

Wollte WER WIR WAREN fast zwei Stunden lang werden?

Marc Bauder: Ich hatte keine Länge im Blick, habe mir nur gesagt, dass sich der Film die Zeit nehmen wird, die er braucht. Und das hat er.

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