Green Deal der EU – grün & gut?

Ursula von der Leyen hat den „European Green Deal“ zu einem der wichtigsten Themen ihrer Amtszeit erklärt. Es sollen 1.000 Milliarden Euro investiert werden, um Europa bis 2050 klimaneutral zu machen. Der Plan sieht vor, Strategien für eine neue Ausrichtung der Industrie-, Energie- und Verkehrspolitik der EU zu entwickeln und umzusetzen. Die Gesetzgebung zur Land- und Forstwirtschaft soll in Einklang mit Klima- und Artenschutz gebracht werden und bereits in wenigen Wochen, im Juni 2020, will die EU einen Aktionsplan für eine „grüne Finanzierung“ präsentieren, mit dem sie ihre Steuer- und Subventionspolitik neu ausrichtet, um Signale für eine umweltfreundliche Wirtschaftsweise zu setzen. Wir fragen unseren Experten für nachhaltige Geldanlagen, Bernhard Engl, wie er den Green Deal beurteilt.

Bernhard Engl, ForestFinance-Experte für nachhaltige Geldanlagen arbeitet seit 2017 bei ForestFinance. Er war acht Jahre Vorstandsmitglied beim Forum Nachhaltige Geldanlagen e. V., dem Fachverband für Nachhaltige Geldanlagen (FNG), hat einen Lehrauftrag an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und ist Dozent und Referent in verschiedenen Fortbildungslehrgängen im Sektor Nachhaltigkeit. Foto: Katrin Spanke

Wie blicken Experten für nachhaltige Geldanlagen auf die Pläne der EU?  Wie ausgereift sind die Ideen der EU-PolitikerInnen, um das Geld effektiv nachhaltig anzulegen?

Der „Green Deal“ gilt als integraler Bestandteil der Strategie der aktuellen EU-Kommission zur Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen und der Ziele der nachhaltigen Entwicklung. Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass nun endlich auf europäischer Ebene das Thema „Nachhaltigkeit“ ein so großes Gewicht erhält, dass daraus ein „big deal“ wird.

Die nun erfolgte Grundsatzeinigung darüber „was grüne Finanzprodukte“ sind (siehe auch nachfolgende Fragen), ist aus meiner Sicht der richtige Ansatz, um ein Umlenken zu beginnen.

Hat die EU Ihrer Meinung nach gute (Finanz-)BeraterInnen und wenn ja, woher kommen sie?

Das sind Fragen, die für jeden Anleger von größter Wichtigkeit sind. Ich will mich hier aber auf Deutschland beschränken, da ich die Szene am besten kenne. Ja, wir haben gute, sehr gute FinanzberaterInnen, die sich umfassende Gedanken machen, wie ihr Kunde sein kleines oder großes Vermögen sinnhaft und nachhaltig anlegen kann. An dieser Stelle möchte ich aber hinzufügen, dass es auch auf die Mitarbeit der KundenInnen ankommt. BeraterInnen können nur so gut sein, wie auch die KundInnen bereit sind bei der Analyse der finanziellen Verhältnisse mitzuarbeiten, ihre Wünsche und Vorstellungen zu äußern und bei den Vorschlägen genau zu sagen, was ihnen zusagt und was nicht.

Hier jetzt jemanden hervorzuheben wäre vermessen, aber in Deutschland gibt es verschiedene Netzwerke, wie zum Beispiel ökofinanz21. Dort haben sich BeraterInnen zusammengefunden, die das Thema „Nachhaltigkeit in der Finanzanlage“ ernst nehmen. Sicherlich gibt es auf regionaler Ebene bundesweit FinanzberaterInnen, die das „grüne Gen“ tragen.

Ich persönlich lasse den gesunden Menschenverstand bei meinen finanziellen Entscheidungen walten und habe nicht das „Dollarzeichen in den Augen“, wenn es um Renditen geht. Vor allem ändere ich meine Strategie nicht wie das Fähnchen im Wind, sondern setze auf Langfristigkeit von Entscheidungen.  

Bernhard Engl im Gespräch mit Finanz Trends über nachhaltige Geldanlagen.

Welche Auswirkungen wird der Green Deal für VerbraucherInnen und SteuerzahlerInnen haben?

Das mag ich derzeit nicht beurteilen, da wir noch ganz am Anfang eines großen Prozesses sind, der zwar „Großes“ verspricht, aber noch nicht umgesetzt ist. Ich denke, dass sich die Preise für nicht nachhaltige Produkte und Produktionsverfahren stark erhöhen werden, im Gegenzug aber – hoffentlich – die Preise für nachhaltige Produkte verringern, bzw. nur leicht erhöhen. Produkte des täglichen Ge- und Verbrauchs sollten von der Nachhaltigkeit profitieren.

Welche Punkte sehen Experten an den grünen Plänen der EU als besonders kritisch?

Ich war lange sehr skeptisch, was eine Taxonomie betrifft, da hier sehr, sehr viele Partikularinteressen der einzelnen Akteure aufeinandertreffen. Hier muss nicht nur geregelt werden, was „nachhaltige Geldanlagen“ sind und welche Industrie wie „nachhaltig“ sein kann oder wo die Grenzen zu „nicht nachhaltig“ sich befinden. Es wird weiterhin spannend bleiben, bis das Mammut-Projekt fertiggestellt ist. Für mich wäre es sehr wichtig, dass die Taxonomie einfach und für jeden verständlich wird, der sich mit der Geldanlage befasst. Es darf „kein Standardwerk“ der Verwirrung sein, sondern eine „Fibel für Jedermann“.

EU-Taxonomie

Im März 2020 hat die EU den 67 Seiten langen Bericht „Taxonomy: Final report of the Technical Expert Group on Sustainable Finance“ veröffentlicht. Derzeit ist er nur auf Englisch verfügbar.

Noch ist davon aber keine Rede. Die Technical Expert Group on Sustainable Finance (TEG) veröffentlichte im März einen 67 Seiten langen „Final report of the Technical Expert Group on Sustainable Finance“, den 591-seitigen „Taxonomy Report. Technical Annex“ sowie den „Usability guide for the EU green bond standard“. Alle drei sind weit davon entfernt eine „Fibel“ und für interessierte Laien verständlich zu sein.

Es gibt leider bis heute keine Zusammenfassung oder Kommentierung auf Deutsch, was die Einschätzung bestimmt nicht nur für mich wirklich schwierig macht. Grundsätzlich sollen nun im weiteren Ablauf die Arbeiten zur Taxonomie in einer Plattform für ein nachhaltiges Finanzwesen fortgesetzt werden.

Soweit ich das herauslesen konnte, wird es sich um die Ausarbeitung der weiteren Umweltziele handeln. Diese vier Ziele sind: a) Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen; b) Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling; c) Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung und d) Schutz gesunder Ökosysteme.

Wir können also weiterhin gespannt sein, was als Nächstes kommt. Mir ist das ganze „Werk“ zu technisch und zu umfangreich! Vielleicht muss das so sein, aber eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte und der Auswirkungen wäre schon angebracht.

Ich werde die Dinge rund um die Taxonomie weiterhin beobachten und Ihnen berichten, so bald mir „wichtige Dinge unterkommen“.

Wie beurteilen Sie als Experte für nachhaltige Geldanlagen den Deal: Kann er zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen?

Ja, das kann der Plan wirklich! Jedoch sind noch große Schritte zu absolvieren wie die Verabschiedung der Grundsatzeinigung.

Ja, der Plan kann das, wenn nicht nur bestehende Geldanlagen, insbesondere Investmentfonds, ihre Engagements umschichten, sondern vor allem, wenn „frisches Geld“ zielgerichtet investiert wird. Die Wirkung, also der Impact, ist das Entscheidende und der Impact ist nur dann sehr gut sichtbar, wenn neues Geld in neue Projekte geht.

Wird sich durch den Green Deal etwas im Bereich für nachhaltige Geldanlagen ändern? Wird es für Investoren mehr und bessere Möglichkeiten als heute geben, ihr Geld in „Grün“ anzulegen? Immerhin kostet so ein Umbau, wie ihn der Green Deal vorsieht, viel Geld, der nicht nur aus EU-Mitteln bezahlt werden kann. Da kommt auch der Privatsektor ins Spiel. Aber in welchem Umfang?

Die privaten Anleger werden sich nach der jetzt erzielten Grundsatzeinigung (siehe auch nachfolgende Frage) präzise aussuchen können, wie und wo sie investieren wollen und vor allem in was. Es wird einfacher werden genau zu wissen, was meine Investition „bewirkt“, wobei man sich nicht blenden lassen soll bei dem Begriff „impact investing“. Eine Wirkung erziele ich primär am Anfang eines Geschäftes. Im Aktienbereich bei der Emission von Aktien, also wenn Aktien neu herausgegeben werden und klar ist, was mit dem Emissionserlös passieren wird. Später, wenn Aktien an der Börse gehandelt werden, spiegelt der Aktienkurs den Unternehmenswert wider, aber der Kaufpreis für die Aktie führt nicht zu nachhaltigen Neuinvestitionen.

Ich glaube aber grundsätzlich, dass durch einen gewissen Transformationsprozess Gelder „von links nach rechts“ umgeschichtet werden, um zukünftig nachhaltig anzulegen.

Wird es durch den Green Deal eine klare Definition geben, was nachhaltige Geldanlagen genau sind?

Es gibt zwar grundsätzlich jetzt eine Einigung „was grüne Finanzprodukte“ sind, aber die Grundsatzeinigung muss noch bis 2021 umgesetzt werden. Zukünftig soll, nein wird es drei Kategorien nachhaltiger oder weitgehend nachhaltiger Finanzprodukte geben. Die Kohleverstromung kann in keine dieser Kategorien eingeordnet werden, bei Gaskraftwerken hängt dies von der CO2-Bilanz im Einzelfall ab. Also beispielsweise von der Beimischung von Biogas zum Erdgas. Teil des gefundenen Kompromisses sind auch die sogenannten „No-Harm-Prinzipien“, die besagen: Ein nachhaltiges Investment darf der Umwelt auch abseits der CO2-Bilanz keinen Schaden zufügen.

Dieses Kriterium, und hier zitiere ich Sven Giegold, der Finanzexperte der Grünen im Europaparlament, sorgt dafür, „dass Atomkraftwerke, obwohl die kein Kohlendioxid ausstoßen, niemals als nachhaltige Investments anerkannt werden können“. Soweit ich informiert bin, muss diese Grundsatzeinigung noch bis Ende 2021 „in Form gegossen werden“ für das geplante EU-Label für Finanzprodukte und nachhaltige „grüne“ Anleihen.

Ich kann nur hoffen, dass sich dieses EU-Label nicht am „unteren Rand“ der Gemeinsamkeiten bewegen wird, da dann der Effekt meines Erachtens verpufft. Ich würde mir wünschen, dass das EU-Label sich weitestgehend an das FNG-Siegel im deutschsprachigen Raum orientiert. Denn dieses EU-Siegel spielt eine sehr wichtige Rolle für den European Green Deal der aktuellen EU-Kommission. Es geht einzig und allein darum, Vertrauen in „Grün Anlegen“ zu schaffen und das „Green Washing“ konsequent zu vermeiden, bzw. aufzudecken.

https://www.fng-siegel.org/
Auf der Webseite des Forums Nachhaltige Geldanlage erklärt ein Film, wie das Siegel für nachhaltige Geldanlagen funktioniert.

Wird der Green Deal Konsequenzen für Waldinvestments haben?

Ich denke, dass es sich keinen Falls um negative Konsequenzen handelt, sondern dass ForestFinance im Rahmen der Angebote stärker nachgefragt wird und wir unsere Produkte passgenau auf die zukünftigen Bedürfnisse der Anleger ausrichten werden. „Wald und Nachhaltigkeit“, näher und eindeutiger kann die Verbindung nicht sein.

Weiter mit Links:

Der europäische Green Deal auf den Seiten der Europäischen Kommission

Artikel zum Thema im ForestFinance-Blog:

betreut seit 2008 das Kundenmagazin ForestFinest und sämtliche Printprodukte als Redakteurin und Autorin. Sie schreibt am liebsten über nachhaltig Gutes, das sich für Mensch und Umwelt rechnet.

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