Tropenfrüchte: 5 Fragen an die Rainforest Alliance

Tropenfrüchte sind wortwörtlich in aller Munde: Bananen sind das liebste Obst der Deutschen. Auch ForestFinance baut nachhaltig und biologisch Tropenfrüchte an: Edelkakao in Lateinamerika, Datteln und Oliven in Marokko. Wir haben die Zertifizierungsorganisation Rainforest Alliance gefragt, worauf es beim nachhaltigen Anbau von Tropenfrüchten ankommt und wie sich der Klimawandel auswirkt.

Foto: ForestFinance

Welche Kriterien müssen tropische Anbausysteme erfüllen, um das Siegel der Rainforest Alliance tragen zu dürfen?

Unser Zertifizierungsstandard soll sicherstellen, dass Produkte und Rohstoffe wie Kaffee, Bananen, Tee und Kakao auf eine wirtschaftlichere, ökologischere und sozialere Weise angebaut und produziert werden. Um sich zertifizieren zu lassen, müssen Farmen unsere 119 Kriterien erfüllen, die auf Faktoren wie der jeweils angebauten Rohstoffe und der Größe der Farm basieren – also ob es sich zum Beispiel um Farmgruppen, Gruppen-Manager oder Klein-FarmerInnen handelt. Diese Kriterien werden wiederum in kritische Kriterien und in sogenannte Kriterien zur kontinuierlichen Verbesserung unterteilt. Einige dieser Kriterien müssen von den FarmerInnen oder Farmgruppen sofort oder – wenn es um die kontinuierliche Verbesserung geht – innerhalb von sechs Jahren erfüllt werden, um die Zertifizierung zu erhalten oder zu behalten. Alle diese Kriterien sind auch in unserem 2017 Sustainable Agriculture Standard festgelegt und in vier Bereiche untergliedert:

1) Effektives Planungs- und Managementsystem:

Eine zertifizierte Farm muss ein integriertes Planungs- und Managementsystem für landwirtschaftliche Betriebe einführen. Dieses umfasst die Einhaltung von umweltbezogenen und sozialen Kriterien, adressiert Risiken, etabliert Verfahren und Systeme, sodass die Konformität mit dem Rainforest-Alliance-Standard gewährleistet wird – und unterstützt die kontinuierliche Verbesserung hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft.

2) Erhaltung der Biodiversität:

Die hier enthaltenen Richtlinien sollen die biologische Vielfalt und die natürlichen Ökosysteme schützen und erhalten – und zwar auf und im Umfeld der zertifizierten Farmen.

3) Erhaltung der natürlichen Ressourcen:

Dieser Bereich soll sicherstellen, natürliche Ressourcen als Grundlage für eine nachhaltigere Landwirtschaft zu erhalten und gleichzeitig die Umweltbelastung zu minimieren.

4) Verbesserte Lebensgrundlagen und menschliches Wohlergehen:

Die in diesem vierten Bereiche festgelegten Kriterien sollen ArbeiterInnen in landwirtschaftlichen Betrieben und ihre Rechte schützen, wie sie auch in den Kernkriterien der ILO (International Labour Organization) definiert sind.

(Eine vollständige Beschreibung der vier Bereiche und den damit verbundenen Kriterien sind in unserem Standard für nachhaltige Landwirtschaft 2017 zu finden.)

Im Januar 2018 hat sich die Rainforest Alliance mit UTZ zusammengeschlossen, um eine größere Wirkung zu erzielen und die vielen Interessengruppen, mit denen wir zusammenarbeiten, noch besser zu unterstützen. Wir entwickeln derzeit ein neues Zertifizierungsprogramm für 2020, das wir voraussichtlich im Juni 2020 veröffentlichen. Entsprechende Audits werden dann ab Mitte 2021 verpflichtend. Das Programm beinhaltet auch neue Standards für landwirtschaftliche Betriebe und für die Chain of Custody – diese stellt die Rückverfolgbarkeit der zertifizierten Rohstoffe über die gesamte Lieferkette sicher. Die derzeitig noch bestehenden Programme der Rainforest Alliance und UTZ werden übergangsweise weiterhin parallel laufen.

Leonie Haakshorst, Sektorleiterin Bananen & Früchte bei der Rainforest Alliance beantwortete unsere Fragen. Foto: Rainforest Alliance

Oxfam warnte 2018 vor „Etikettenschwindel“ bei Nachhaltigkeitssiegeln auf Tropenfrüchten. Wie stehen Sie dazu?

Die Rainforest Alliance unterstützt das Engagement von europäischen Zusammenschlüssen und NGOs, die sich für bessere Arbeitsbedingungen und den Schutz der Menschenrechte auf zertifizierten Obstfarmen in Lateinamerika einsetzen. Diese Engagement trägt dazu bei, auch wiederum unsere Bemühungen zu unterstützen, die Umwelt- und Sozialbedingungen auf den Farmen in den über 70 Ländern, in denen wir tätig sind, zu verbessern.

Erhalten wir glaubwürdige Beweise, dass kritische Kriterien unseres Standards für die nachhaltige Landwirtschaft nicht eingehalten werden, kontaktieren wir unverzüglich die autorisierte Zertifizierungsstelle, die für das Audit der betreffenden Farm oder des Unternehmens verantwortlich ist. Wenn notwendig, werden weitere Untersuchungsaudits durchgeführt. 2017 haben wir unseren Standard entsprechend ergänzt mit neuen verbindlichen Anforderungen, die mehrere der in dem Oxfam-Bericht beschriebenen Arbeitsbedingungen betreffen. Alle von der Rainforest Alliance zertifizierten Farmen und Gruppen wurden bis zum 31. Dezember 2018 gemäß dieser neuen Anforderungen überprüft.

Von der Rainforest Alliance zertifizierte Tropenfrüchte. Im Juni 2020 veröffentlicht die Rainforest Alliance ein neues Zertifizierungsprogramm. Dieses besteht aus zwei Kernbestandteilen, die eng miteinander verknüpft sind: Dem Standard für nachhaltige Landwirtschaft und den Dokumenten zur Qualitätssicherung (Assurance). Für die Organisation ist dies ein weiterer wichtiger Schritt, verantwortungsbewusste Geschäftspraktiken zur Selbstverständlichkeit zu machen.
  Screenshot: Rainforest Alliance

Wir sind uns aber auch der anhaltenden Herausforderungen auf Bananenfarmen in Mittel- und Südamerika bewusst, die sowohl soziale als auch ökologische Herausforderungen betreffen. Das Bestehen dieser Herausforderungen ist ein wichtiger Grund, warum wir uns entschieden haben, in diesen Ländern tätig zu sein und die FarmerInnen und ProduzentInnen, die unseren Standard konsequent einhalten, auf ihrem Weg zu einer nachhaltigeren Produktion zu unterstützen.

Wie weit verbreitet ist der nachhaltige oder ökologische Anbau von Tropenfrüchten mittlerweile und wohin geht der Trend? Welche Rolle spielen dabei Agroforstsysteme?

Unser Fruchtzertifizierungsprogramm beinhaltet 44 Obstsorten, unter anderem Ananas, Trauben und Orangen, den größten Anteil stellen dabei die von uns zertifizierten Bananen. Im letzten Jahr haben wir ca. 9,2 Millionen Tonnen davon zertifiziert, weltweit wurden schätzungsweise 20,2 Millionen Tonnen exportiert (Quelle: FAO, Banana Market Review 2019). Unseres ist damit das weltweit größte Zertifizierungsprogramm für diese tropische Frucht. Darüber hinaus sehen wir, dass die Nachfrage nach zertifizierten Bananen und anderen Fruchtkategorien, in denen wir unser Zertifizierungsprogramm anbieten, in den letzten zehn Jahren gestiegen ist. Zum Vergleich haben wir 2010 nur etwas über 1 Million Tonnen der gelben Frucht zertifiziert.

8.890 Bauern nehmen am Programm der Rainforest Alliance teil. Screenshot: Rainforest Alliance

Trotz der Fortschritte, die in den letzten Jahrzehnten im Bananensektor insgesamt und auf zertifizierten Farmen erzielt wurden, ist es noch ein weiter Weg, bis die Herausforderungen im Bananenanbau vollständig gelöst sind. Um diese Probleme anzugehen, etwa um die Lebensgrundlagen der FarmerInnen zu verbessern, um Kinderarbeit und den Klimawandel zu bekämpfen, ist eine gemeinsame Verantwortung in der gesamten Lieferkette wichtig. FarmerInnen, die Tropenfrüchte anbauen, haben zum Beispiel mit den direkten Auswirkungen des Klimawandels und sich verändernden Wetterbedingungen zu kämpfen: höhere Temperaturen, Dürren, unvorhersehbare Niederschläge, Waldbrände und extreme Wetterereignisse wie Wirbelstürme und Überschwemmungen. Diese Bedingungen stellen die (Obst-)FarmerInnen, die beim Ernteanbau auf bestimmte Wetterbedingungen angewiesen sind, vor enorme Herausforderungen. Außerdem führt der Klimawandel zur Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten, wodurch Ernten beschädigt und manchmal sogar völlig vernichtet werden.

Eine natürliche Klimalösung sind (…) Agroforstsysteme. Sie bieten die Chance, den Klimawandel durch verbesserte Landmanagement-Methoden zu bekämpfen.

Eine natürliche Klimalösung sind die von Ihnen angesprochenen Agroforstsysteme. Sie bieten die Chance, den Klimawandel durch verbesserte Landmanagement-Methoden zu bekämpfen. Gleichzeitig können sie FarmerInnen und Waldgemeinschaften dabei helfen, widerstandsfähiger gegen die schädlichen Auswirkungen des Klimawandels zu werden. So kombiniert die Agroforstwirtschaft Bäume mit Sträuchern, Nutzpflanzen und Vieh in Systemen, die Nahrungsmittel produzieren, die biologische Vielfalt unterstützen, gesunde Böden schaffen, die Verfügbarkeit von Wasser sichern und Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden. Darüber hinaus spielt die Agroforstwirtschaft bei den meisten der 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) eine wichtige Rolle – wie zum Beispiel bei der Luft- und Wasserqualität, Bodengesundheit, Erhaltung der biologischen Vielfalt und Ernährungssicherheit.

Der Rainforest Alliance Sustainable Agriculture Standard 2020, der voraussichtlich im Juni 2020 veröffentlicht wird, enthält daher auch spezifische, an lokale Bedingungen angepasste, Kriterien für Agroforstsysteme. Diese Kriterien sollen die Einführung von Agroforstsystemen auf Rainforest-Alliance-zertifizierten Farmen fördern – und zwar entsprechend den optimalen Agroforst-Parametern pro Region. Zum Beispiel, dass es einen bestimmten Mindestanteil an Schattenbedeckung und Anzahl an Baumarten gibt.

Tropenfrüchte legen weite Wege zurück und gehören damit nicht zu den klimafreundlichsten Angeboten auf dem Markt. Worauf können Verbraucher beim Einkauf in Sachen Klimaschutz achten?

VerbraucherInnen können eine nachhaltigere Landwirtschaft unterstützen, indem sie tropische Früchte kaufen, die mit einem Zertifizierungssiegel für eine nachhaltigere Anbauweise gekennzeichnet sind. Durch den Kauf von Produkten mit einem Rainforest-Alliance-Certified-Siegel tragen KonsumentInnen beispielsweise dazu bei, eine nachhaltigere Landwirtschaft zu unterstützen, die Lebensbedingungen für FarmerInnen und ihre Familien zu verbessern und gleichzeitig Wälder, Wildtiere und die Umwelt für künftige Generationen zu schützen.

VerbraucherInnen sollten auch darauf achten, die gekauften Bananen richtig zu lagern, rechtzeitig zu verarbeiten und auch einzelne Banane zu kaufen, anstatt eines ganzen Bündels. So hat eine Studie aus Großbritannien gezeigt, dass der vermeidbare Abfall (ohne die Bananenschalen) dort mehr als 65.000 Tonnen pro Jahr beträgt. Das sind umgerechnet über eine Million Bananen täglich, die nicht rechtzeitig gegessen oder verarbeitet und dann weggeworfen werden müssen. Durch diese Verschwendung von Bananen werden jährlich 30.000 bis 65.000 Tonnen unnötige Treibhausgase produziert.

Wie wirkt sich der Klimawandel allgemein auf die Tropenfrucht-Produktion aus?

Die klimabedingten Risiken für die Landwirtschaft sind in den Entwicklungsländern am höchsten und betreffen unverhältnismäßig stark die schwächsten Bevölkerungsgruppen der Welt – vor allem arme ländliche Gemeinden, die für ihren Lebensunterhalt auf Ackerflächen angewiesen sind. Obst- und Bananen-FarmerInnen sind auch mit höheren Temperaturen, Dürren und unvorhersehbaren Regenfällen konfrontiert. Darüber hinaus sind tief gelegene Bananenfarmen sehr anfällig für Stürme und Überschwemmungen. Außerdem fehlen den FarmerInnen oft auch die Ressourcen, wie Kapital, Technologie und Wissen, die für die Anpassung an die globale Erderwärmung unerlässlich sind.

Deshalb fördern wir klimaschonende Anbaumethoden und schulen die FarmerInnen entsprechend. Nutzen sie klimaschonende Anbaumethoden können die FarmerInnen sich an die Auswirkungen des Klimawandels eher anpassen, also widerstandsfähiger werden und ihr Einkommen schützen. Beispiele für klimaschonende Methoden, die auf Bananenfarmen bereits angewendet werden, sind etwa das Anpflanzen von vegetativen Barrieren und Pufferzonen durch Bäume und Sträucher entlang von Bächen und Flüssen. Dies verhindert eine Erosion und Verunreinigung durch Ernteabfluss. Ein weiteres Beispiel ist die Einführung von wassersparenden Systemen zur Bewässerung der Pflanzen. Farmen sammeln und speichern also Wasser, um dieses später zur Bewässerung zu nutzen. Außerdem sollen Düngemittel besser genutzt werden, indem organische Mittel bevorzugt und Anwendungsmethoden optimiert werden.

Laut dem fünften Sachstandsbericht des Weltlimarats IPCC wird der Klimawandel voraussichtlich insgesamt zu volatileren Preisen für landwirtschaftliche Grundnahrungsmittel und zu einer geringeren Qualität dieser führen. Außerdem wird der Klimawandel einen großen Einfluss auf die Wasserverfügbarkeit, die Ernährungssicherheit und auf Einkommen aus landwirtschaftlicher Arbeit haben; gleichzeitig wird eine Verschiebung der Anbauflächen prognostiziert. Darüber hinaus verschärfen die klimabedingten Risiken bestehende ökologische (Bodenerosion, Wasserverschmutzung, schwindende Biodiversität), soziale (Ungleichheit, Armut, geschlechtsspezifische Diskriminierung) und staatliche (schwache Institutionen) Probleme, insbesondere in ländlichen Regionen.

Der Klimawandel ist also nicht nur eine Herausforderung, der die Lebensgrundlagen der FarmerInnen im Agrar- und Obstsektor betrifft, sondern hat auch enorme Auswirkungen auf politische und soziale Fragen in den Anbauländern, die letztlich wiederum uns alle betreffen werden.

Zum Weiterlesen:

Online Redaktion | Übersetzung | kristin.steffan@forestfinance.de

Kristin Steffan schreibt seit mehr als zehn Jahren für ForestFinance – am liebsten über Themen rund um Umweltpädagogik, Klimaschutz und Biodiversität.

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