Was Sie schon immer über CO2-Zertifikate wissen wollten – Teil 1

Im Januar 2023 erschienen zeitgleich in den Zeitschriften „Die Zeit“ und „The Guardian“ kritische Artikel zum großen Thema, was CO2-Zertifikate zum Klimaschutz beitragen. Die Artikel basieren auf den Daten eines internationalen Rechercheteams und kommen zum Schluss, dass die meisten CO2-Zertifkate nutzlos sind.

Auch wenn uns diese Aussage nicht betrifft – weil bei der Recherche ausschließlich REDD-Projekte unter die Lupe genommen wurden, die bestehende Regenwälder betreffen, und wir beim Klimaschutz auf Aufforstungsprojekte setzen, die nachweislich CO2 binden – nehmen wir die Artikel und die Aufmerksamkeit, die sie für dieses wichtige Thema geschaffen haben, zum Anlass und erläutern unsere Sicht auf Emissionshandel, seine Schwächen und Potenziale.

Harry Assenmacher, hat bereits in den 1990er Jahren ForestFinance und den ersten „Verein zur Verminderung von Kohlendioxid in der Atmosphäre e. V.“ gegründet. Er wird das komplexe Thema in drei Beiträgen diskutieren und widmet sich in Teil 1 den Prinzipien des Emissionshandels und der Frage, wer davon profitiert.  

CO2-Zertiikate und -Handel bekommen aktuell sehr viel Aufmerksamkeit.

Teil 1: Verra, Waldschutz, Wirecard

Ein Kommentar von Harry Assenmacher

Banküberfälle sind nicht wirklich ein Argument gegen Banken. Außer, die Bank schließt vor dem Wochenende die Tür nicht ab und hinterlässt dort auch noch gleich den Code für den Tresor. Genau das passiert beim CO2-Zertifikatehandel. Meistens.

Ein internationales Rechercheteam hat enthüllt: Über 90 Prozent der in den letzten Jahren verkauften CO2-Verschmutzungsrechte sind wertlos. Also nicht wertlos im Sinne von haben keinen Umsatz und Gewinn erbracht. Zertifizierer, Händler, Unternehmen haben prächtig verdient. Nur der Atmosphäre ist nichts erspart geblieben. Die CO2-Zertifikate waren ‚Luftnummern‘. (Den Artikel in „Die Zeit“ gibt es hinter einer Paywall; den Artikel im „The Guardian“ kann man nach einer Registrierung kostenlos lesen.)

The Guardian berichtet im Januar 2023 von den „Phantom Zertifikaten“.
The Guardian berichtet im Januar 2023 von den „Phantom Zertifikaten“. Bild: Screenshot (06.02.2023)

Die zwei Prinzipien des Emissionshandels

Angelegt ist dieser Ablasshandel keineswegs nur im freiwilligen CO2-Markt, wie hier enthüllt, sondern angelegt ist das schon im Emissionshandel generell. Etwas, was wir bereits vor fast 20 Jahren kritisiert hatten. Wie das? Hier vereinfacht und dennoch schon lang, nochmal die Prinzipien des Emissionshandels und der Entstehung von CO2-Verschmutzungszertifikaten:

Es gibt zwei Möglichkeiten CO2-Zertifikate, die das Recht einräumen pro Zertifikat eine Tonne CO2 in die Atmosphäre zu entlassen, zu erzeugen:

Erste Methode: indem man real eine Tonne CO2 aus der Atmosphäre entnimmt und speichert. Wie zum Beispiel ForestFinance dies durch Aufforstung tut. Die wachsenden Bäume entnehmen der Atmosphäre CO2, spalten den Sauerstoff (O2) ab und das ‚C‘, der Kohlenstoff, wird in der Pflanze in Holz, Blättern, Wurzel etc. gespeichert. Das kann man inzwischen ziemlich gut messen und berechnen.

Wie wir seit über einem Vierteljahrhundert sagen: Wir nehmen Ihren CO2-‚Müll‘ und machen daraus eine sehr biodiverse, naturnahe Wald’deponie‘. Immer verbunden mit Beratung in Richtung überhaupt weniger CO2-‚Müll‘ zu erzeugen. Also Restentsorgung als Wald.







Zweite Methode: Man errechnet (oder spekuliert?) wieviel CO2 in Zukunft durch zum Beispiel ein neues Wasserkraftwerk oder Solaranlage weniger emittiert und so jährlich ‚eingespart‘ wird. Wobei eingespart nicht heißt, dass real CO2 aus der Atmosphäre entnommen wird, sondern eben angenommen wird „Wenn man diesen Strom durch ein Kohlekraftwerk hätte erzeugen müssen, wären so und so viel Tonnen CO2 produziert worden“. Für diesen mit Konjunktiven angereicherten Prozess bekommt man dann eben – pro errechneter angeblich nicht künftig emittierter Tonne CO2 – ein Zertifikat.

Und das wandelt sich auf wundersame Weise im Rahmen des Emissionshandels von einem virtuellen Stück Papier zu einer veritablen Währung, die gehandelt werden kann wie Dollar oder Euro. Noch schöner: Diese Währung wird nicht von einer kontrollierten Zentralbank herausgegeben (oder gar als Bargeld ‚gedruckt‘), sondern ist ein rein virtuelles Konstrukt, weitgehend in privater Hand – sozusagen Atmosphärische Kryptowährung.

Soweit zunächst. In weiteren Beiträgen werden wir noch auf ökonomische und angenommene Wirkungen des Emissionshandels eingehen, hier erstmal: Warum sind denn so viele CO2-Zertifikate gerade aus Waldschutzprojekten – sogenannten REDD-Projekten („Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation“, auf Deutsch „Minderung von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern“) wert- und inhaltslos?

Wie Waldschutz und Konjunktive mathematische Formeln ergeben

Das geht so: Wie oben beschrieben wird berechnet, wie viel CO2 (genaugenommen Kohlenstoff) in einem Wald gebunden ist. Wenn jetzt dieser Wald künftig ‚verschwinden’ würde, beispielsweise durch Brandrodung und Umwandlung in Acker- oder Weideland, dann würden x Tonnen CO2 wieder freigesetzt. Würde man jetzt die Entwaldung verhindern, dann würden künftig diese x Tonnen CO2 eben nicht wieder freigesetzt. Man merkt schon, die Konjunktive tauchen wieder auf. Den notwendigen wissenschaftlichen und mathematischen Rahmen für diese Berechnungen liefert das „non profit Unternehmen“ VERRA, die führende Zertifizierungsorganisation für VCS-Zertifikate (Verified Carbon Standard), und setzt dafür die Berechnungsstandards (VCS) fest – die sogenannte Methodologie. Altsprachler ahnen bereits, dass diese wohl nicht unbedingt mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss, sondern eher eine Schätzung ist, bedeutet Methodologie doch „Theorie der wissenschaftlichen Methoden“. Und theoretisch funktioniert VCS auch prima. Sprich alles, auch die künftigen CO2-Einsparungen durch künftig nicht (!) vorgenommene Entwaldung, können so genauestens berechnet werden.

Ökologisch-real wertlose Papiere

Hier setzt dann das Interesse der Beteiligten (Neudeutsch „Stakeholder“) ein. Insbesondere die Interessen der ‚Zertifikate-Schaffer’ geht nämlich dahin, so ‚druckt’ man seine eigene Währung, die CO2-Zertifikate. Bei REDD-Projekten ist dies relativ einfach. Je größer die Kohlenstoffmenge, die in einem (Ur)Wald gebunden ist und je höher der angenommene Waldverlust in der Zukunft ist, desto größer ist die Menge der möglichen Zertifikate, die bares Geld sind. Genau dies ist offensichtlich, so die Recherche der Journalisten, passiert. Egal, ob der Wald tatsächlich bedroht war oder ist.

Zwar soll mit den Erlösen aus diesen REDD-Projekt-Zertifikaten die Entwaldung gestoppt werden – was aber, wenn es gar nichts zu stoppen gab? Für die Erzeuger der Zertifikate und die Händler macht das keinen Unterschied. Sie erzeugen Zertifikate (guter Verdienst für alle Auditoren und Dienstleister), kaufen und verkaufen diese ökologisch-real wertlosen Papiere zum Beispiel an Unternehmen, die zumindest auf den Umverpackungen ihrer Produkte etwas für die Umwelt tun wollen.

Screenshot der Stellungnahme des Geschäftsführers von Verra, David Antinioli.
Verra-Geschäftsführer, David Antinioli, hat auf der Homepage der Organisation zu den Vorwürfen Stellung genommen. Bild: Screenshot (06.02.2023)

Was hat das mit Wirecard zu tun?

Nun, so wie in den Bilanzen des betrügerischen Finanzdienstleisters, rein virtuell Gelder und Forderungen aufgeführt waren, die nicht existierten und damit für eine ‚ausgeglichene’ Bilanz sorgen, so gaukeln die ‚errechneten’ CO2-Zertifikate aus künftiger unterlassener CO2-Freisetzung vor, einen CO2-Wert in der Umweltbilanz eines Unternehmens darzustellen und dessen Verschmutzung auszugleichen.

Antrieb für solcherlei Greenwashing ist letztlich die Ökonomie des Emissionshandels, der nicht umsonst begeistert von der Finanzindustrie (eine Industrie, die nichts herstellt …) in Fonds etc. gemantelt wird. So lassen sich Milliarden einsammeln und noch besser, wenn die Politik nicht nur über einen vorgeschriebenen CO2-Tonnenpreis bereits heute den Wert dieser Verschmutzungs-Währung festlegt, sondern auch vorschreibt, wer bis wann welche zu erwerben hat.

Die Annahme ist, dass über dieses ‚marktwirtschaftliche’ Instrument von Angebot und Nachfrage und steigenden Preisen (Wert) der CO2-Zertifikate, die CO2-Emissionen gesenkt werden, weil es günstiger ist Verschmutzung gleich zu unterlassen, statt ausgleichende Verschmutzungsrechte zu erwerben. Auch hier gibt es bisher keinen Beleg, dass das in der Realität wirklich in großem Umfang geschieht.

Warum marktwirtschaftliche Instrumente – und hier insbesondere der Emissionshandel – keine Lösung mehr gegen die Klima- und Umweltkatastrophe sind und warum auch immer mehr in Mode kommende „Degrowth“/Postwachstums-Theorien weder den Wald, noch die Welt retten, lesen Sie in der nächsten Folge: „Schrumpfen – aber ganz ohne Kapitalismus ist auch blöd.“

Wie ForestFinance mit dem Thema Klimaschutz für Unternehmen umgeht, lesen Sie auf unserer Website für Firmen:

betreut seit 2008 das Kundenmagazin ForestFinest und sämtliche Printprodukte als Redakteurin und Autorin. Sie schreibt am liebsten über nachhaltig Gutes, das sich für Mensch und Umwelt rechnet.

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