Die Radlretterei: ein zweites Leben für abgelegte Fahrräder

Kennen Sie das auch: Verrostete und offensichtlich verlassene Fahrräder, die ein einsames Dasein in feuchten Kellern fristen oder vergessen in Schuppen herumstehen? Heidi und Horand in München haben mit ihrer Radlretterei nun ein Unternehmen ins Rollen gebracht, dass sich dieser einsamen Zweiräder annimmt und ihnen neues Leben einhaucht. Wir haben die beiden gefragt, wie genau sie das anstellen und was ihre Idee so besonders macht!

Heidi und Horand, erfolgreiche Jungunternehmer und ambitionierte Radlretter. Foto: Radlretterei
Heidi und Horand, erfolgreiche Jungunternehmer und ambitionierte Radlretter. Foto: Radlretterei

Ihr rettet Radl. Was heißt das genau?

Kennt ihr sie nicht, die Räder, die unter anderem in Hinterhöfen oder vor euren Wohnhäusern angekettet und in diversen Kellern vor sich hin rosten, weil keiner sie mehr nutzt? Die Räder darunter, die noch einem Besitzer zugeordnet werden können, können bei uns als Spende abgegeben werden und wir kümmern uns liebevoll um sie. Das heißt, wir schrauben so lange an ihnen rum, bis sie wieder raus können auf Münchens Straßen, sie also wieder fahrbereit sind. Das machen wir nach bestem Wissen und Gewissen, denn gelernt haben wir das Richten beide nicht. Da uns ein Meistertitel für eine offizielle Radlwerkstatt fehlt, restaurieren wir ausschließlich in unserer Freizeit. Viele Leute, die uns kennengelernt haben, fragen uns, ob wir auch ihr Rad reparieren können. Eben das können wir nicht tun, ihr könnt uns eure defekten Räder als Spende überlassen und euch bei uns ein neues, aufgewertetes für geringes Geld kaufen – und das hat auch einen hohen Mehrwert, da wir nicht nur die Restauration machen, sondern jedem Radl einen individuellen Anstrich verpassen. Explizit heißt das also, wir retten diese Räder vor der Verwahrlosung oder ihrer vermeintlich letzten Ruhestätte – dem Wertstoffhof.

Wie ist es dazu gekommen?

Natürlich nicht hoppladihopp über Nacht oder weil es gerade trendy ist, sondern durch einen langen Umdenkprozess, der uns eine ganz neue Sicht auf viele Dinge eröffnet hat. Im Grunde setzte der an drei unterschiedlichen Ecken an: 1. Umweltbewusstes Denken und konsumieren, 2. eine Berufung mit Mehrwert finden, mit der wir auch Geld verdienen können und 3.beruflich nicht mehr die Träume anderer, sondern unabhängig und frei unsere eigenen zu ermöglichen.

1. Ein bisschen bio, ein bisschen öko, ein bisschen umweltbewusst ist doch jeder heutzutage. Genauso haben wir auch angefangen – ist ja alles nachhaltig und ganz großartig gesund für Körper und Natur … Die Windelflut unserer gemeinsamen Tochter stieß dann einen weiteren (Um)Denkprozess bei uns an und die große Recherche begann: Begriffe wie biologisch abbaubar, zu 100 Prozent recyclebar, Bioplastik, Mikroplastik, Inhaltsstoffe von diversen Plastikarten und wahnsinnig viele Dinge mehr, die da auf der Plattform erschienen, haben uns zu der Lebenseinstellung gebracht, die unseren heutigen Alltag bestimmt. Zu DM & Co gehen wir höchstens für eine neue Prepaid Karte für unsere Uralthandys. Alles andere lassen wir stehen – wir haben erkannt, dass wir immens viel Müll dort einkaufen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn keine Verpackung ist wiederverwendbar. Peu à peu haben wir unseren kompletten Haushalt auf weitestgehend müll- und plastikfrei umgestellt und dabei erkannt, dass wir durch diese Umstellung keinen Verzicht leben müssen wie anfangs befürchtet. Vielmehr fühlen wir uns befreit durch den verinnerlichten Minimalismus, das Gefühl des Nicht-Brauchens all dieser Konsumgüter. Wir machen vieles ohne viel Aufwand einfach selber, was man sonst in Plastik zu kaufen bekommt. Shampooseife, Spüli, Zahnpasta, Deo, Waschmittel und viele Lebensmittel wie alternative Milchsorten. Das spart Geld und wir haben festgestellt, dass es enorm Spaß macht, sich nahezu selbstbestimmt und unabhängig zu versorgen und genau zu wissen, woraus unsere Haushaltsmittel und die meisten Lebensmittel gemacht sind.

Ein Meister des Upcyclings: Horand. Foto: Radlretterei
Ein Meister des Upcyclings: Horand. Foto: Radlretterei

2. Horand hat schon immer ein Händchen für lukrative Tauschgeschäfte über Kleinanzeigen gehabt. Das Geld war bei uns fast immer knapp, kritisch wurde es dank seines Engagements allerdings nie. Zur rechten Zeit war immer Geld da. Alles, was sich in unser beider Leben so angesammelt hatte an Konsumgütern, die keiner wirklich mehr brauchte, machte er durch kreatives Aufbessern und geschicktes Verhandlungstalent zu Geld. Anderes wurde bargeldlos getauscht gegen die Dinge, die wir uns anders nicht hätten leisten können. Und weil auch Horand in fauler Manier über die Jahre diverse seiner selbst platt gefahrenen Räder in den Keller gesteckt hatte, wurden diese dann wieder klargemacht, um unsere Engpässe zu überbrücken. Die Brücke zur Radlretterei war dann schnell geschlagen.

3. Entschleunigung und Burn-out-Diagnosen, Work-Life-Balance und all diesen schönen Begriffe – wir hatten beide bereits Erfahrungen in vielen unterschiedlichen Jobs, viele Ausbildungen dazu. Wir waren auch gut darin, aber nach einer kurzen Phase der spannenden Eingewöhnung nie ausgefüllt. Eine Berufung, selbstbestimmt und authentisch musste her. Auch dies war selbstverständlich ein Prozess, so eine lebensverändernde Eingebung kommt einem ja nicht alle Tage, sonst wären wir nicht so alt geworden, bis uns die (Radl)Retterei eingefallen ist. 😉 Wir waren also beide offen für eigene Träume. Mit der Radlretterei haben wir den Hauptgewinn, da wir in ihr unsere gemeinsame Lebenseinstellung sowie unser beider komplette Erfahrungsschätze einbringen können und so miteinander und uneingeschränkt alle derzeitigen sowie noch kommenden Ideen zusammen in die Tat umsetzen können.

Warum sollte man lieber bei euch ein Rad kaufen als ein Neues?

Das führt wieder zurück zu eurer ersten Frage, die hier ein bisschen genereller beantwortet werden kann. Räder werden nicht besser, wenn sie im Regen oder im Keller stehen. Sie verlieren an Wert. Wir schaffen da wieder Raum, wo dieses Räder vor sich hin schmorten und machen daraus etwas wieder Brauchbares. Es braucht nicht immer alles neu zu sein, finden wir. Es gibt bereits genug auf dieser Welt, woraus man mit Kreativität und Elan schöne, einzigartige Dinge machen kann. Second Hand funktioniert, das sehen wir ja auch bei Kleidung, Gebrauchträdern oder allem anderen Trödel auf dem Flohmarkt. Wir setzen hier noch einen drauf: wir ‚unikatisieren‘ die Räder. Jedes Rad hat einen eigenen Charakter und wie wir finden, eine ganz eigene Persönlichkeit. Um die hervorzuheben, bemalen wir die Räder individuell. Das machen wir mit allen Rändern, außer den original alten aus den 60ern zum Beispiel, die an sich schon so schön und einzigartig sowie originell sind. So hat man mit dem Kauf eines Rads bei uns nicht nur was für die Umwelt getan, Müll vermieden, Ressourcen geschont, Minimalismus gelebt und uns in unserer Arbeit unterstützt, sondern auch noch einen Mehrwert für sich selbst: ein Radl, das so einzigartig ist wie man selbst, das optisch wie auch funktional zu einem passt und zu dem man eine Geschichte erzählen kann. Welches Rad aus der Massenproduktion kann das schon von sich behaupten?

Wieso habt ihr euch dazu entschlossen, 20 Prozent der Gewinne zu spenden und wohin fließen diese Spenden?

Wir wollen tatkräftig mitziehen am gemeinsamen Strang der Nachhaltigkeit. Für mehr Zugkraft dahingehend vernetzen wir uns mit lokalen und regionalen Initiativen mit nachhaltigen, sozialen, ethischen und manchmal auch politischen Hintergründen. Noch haben es nachhaltig und sozial wirtschaftende Kleinunternehmen mit der Finanzierung schwerer als beispielsweise konsumorientierte. Wir wollen direkt aktiv werden, direkt unterstützen und das Ganze weniger anonym und nebeneinander, sondern vielmehr miteinander und gemeinschaftlich. Sobald der Laden steht und geht haben wir deshalb wieder vor, andere soziale und nachhaltige Projekte aktiv mit einer Spende aus unseren Fahrradverkäufen zu unterstützen. Wir freuen uns über Vorschläge zu guten Projekten von euch, die uns gern über unsere Facebook-Seite geschickt oder dort gepostet werden dürfen. Jedes unterstützte Projekt ist dann auf der Projektseite unserer Homepage zu finden.

Die Website der Radlretterei. Sreenshot: Radlretterei.com
Die Website der Radlretterei. Sreenshot: Radlretterei.com

Eure Räder haben Geschichten und sogar Namen. Da gibt es zum Beispiel Knülle, Justus oder Knatschi mit der garstig lauten Klingel. Gibt es eine Story, die ihr teilen mögt?

Aber gerne doch! Viele Geschichten sind eher trauriger Natur, denn darin kommt Vergessen, Verwahrlosung und Vernachlässigung vor, Umzüge, Kinder, die flügge werden und oftmals auch Ex-Partner, deren Vermächtnis entsorgt werden soll. Es gibt aber auch viele tolle Geschichten, die manche Halter mit ihren Rädern bereits erlebt haben und an uns weitergeben. Wir haben ein City-Damenrad namens Klee. Sie hat ihrer Vorbesitzerin stets Glück gebracht. Klee hat einen Radkorb am Lenker. Viele Menschen nutzen solche im Vorbeigehen als Gelegenheitsmülleimer. Nicht so bei Klee – in ihrem Körbchen wurden stets schöne Dinge, von Geld bis zur Digitalkamera, für die Besitzerin abgelegt. Getreu ihres Namens ist sie jetzt blattgrün und geht bald an ihre neue Käuferin über, die sich schon auf die gemeinsamen Radtouren freut. Auch Lotte hat eine total nette Geschichte. Sie gehörte einer jungen Frau, die an einer Muskelkrankheit leidet, durch die sie nicht mehr Fahrradfahren können wird. Daher wurde Lotte an uns übergeben in der Hoffnung, Freiheit, Bewegung und Freude für eine zukünftige Käuferin zu bedeuten, die waghalsige Abenteuer mit ihr erleben soll.

Mit welchen Herausforderungen hattet ihr bisher zu kämpfen?

Da wir Wert auf ökologisch nachhaltige Werkzeuge und Hilfsmittel legen, kommen wir bereits bei Lacken und Farben für einen neuen Anstrich der Räder an unsere Grenzen, oder die Grenzen der gängigen Farbwelt. Dogmatisch an irgendeine Vorstellung gebunden zu sein liegt uns fern, sei es uneingeschränkt Bio-Labels zu vertrauen oder zwanghaft lokal einkaufen zu müssen. Wir haben uns bei vielem für einen gesunden Mittelweg entschieden, mit dem wir und, wie wir finden, auch die Umwelt gut leben können. So brauchen wir zum Beispiel angebrochene Farbreste auf, die wir gespendet bekommen oder günstig über Kleinanzeigen erstehen. Dadurch werden die Farben zwar nicht ökologisch unbedenklich, wir kaufen allerdings keine neuen und unterstützen somit nicht die Neuproduktion solcher Rohstoffe, sondern verwerten bereits produzierten Ressourcen und kümmern uns zuverlässig um ein materialgerechtes Recycling der Behältnisse.
Eine Schwierigkeit ist derzeit noch der Platzmangel für den enormen Spendenandrang, die sich aber sicherlich bald durch einen Laden und einen Lagerraum via Crowdfunding erübrigen wird. Manchmal kommt es vor, dass Kunden und Unterstützer anfangs verwirrt sind, weil wir eine ganz neue Art von Einzelhandel sind. Da wir KEINE klassische und ausgebildete Reparaturwerkstatt sind, können wir noch genutzte Räder nicht zur Reparatur annehmen. Wer von uns ein liebevoll aufgewertetes Radl ersteht, sollte sich darüber im Klaren sein, dass so gut wie alles an ihm gebrauchte Gegenstände sind, die ab und zu selbst beschraubt und gepflegt werden müssen, wie bei jedem oft genutzten Gebrauchsgegenstand – vor allem, wenn das Radl einen Standplatz unter freiem Himmel hat. Unsere Räder haben Charakter – und trotz Aufwertung manchmal kleine Macken, genauso wie wir Menschen eben auch. Darin liegt der ganze Charme und die Beziehung zueinander, oder nicht? Wir sind in stetiger Weiterentwicklung. Unser Konzept hat keine Grenzen, weder thematisch noch räumlich und damit leben wir ein bisher einzigartiges Alleinstellungsmerkmal, das beim Umdenken ansetzt und damit weitermachen wird die Welt zu ‚retten‘.

Haben noch viel vor: Horand und Heidi. Foto: Radlretterei
Haben noch viel vor: Horand und Heidi. Foto: Radlretterei

Wie kann man euch unterstützen?

Unterstützen könnt ihr uns gerade bei unserer Crowdfunding Kampagne bei place2help, über die wir einen Raum für die Radlretterei realisieren möchten. Die Kampagne geht von 4. August bis zum 17. Oktober 2017. Schaut rein, wir haben ein cooles Video über unsere Idee gemacht und spannende Tauschgüter, durch deren Kauf ihr uns direkt unterstützen könnt. Wenn euch unsere Idee so gut gefällt, dass ihr noch mehr für uns tun wollt, freuen wir uns sehr, wenn ihr die Kampagne auch auf euren Kanälen teilt, genauso wie persönlich in eurem Freundeskreis davon erzählt und so kräftig die Werbetrommel für uns rührt!

Alternativ könnt ihr das auch über unsere Homepage www.radlretterei.com. Dort findet man unter ‚Werde selbst zum Retter‘ alle wichtigen Infos zu unserem Crowdfunding, gesuchten Sachspenden, die wir fürs Schrauben und Retten brauchen könnten sowie Flyer zum Herunterladen, um Kontakt zu Besitzern verwahrloster Räder aufzunehmen oder die Radlretterei in deinem Viertel durch Aushänge zu verbreiten. Zudem kann man uns natürlich auch bei Facebook gut finden und verbreiten, wodurch ihr unsere Reichweite enorm erhöht.

Was plant ihr noch für die Zukunft?

Mit der Radlretterei wird derzeit über unser Crowdfunding bei Place2help der Startschuss gegeben für die zukünftigen unendlichen Weiten einer Retterei. Mit der Retterei zeigen und leben wir: Es geht auch anders. Proaktiv, achtsam und ohne Verzicht, dabei mit viel mehr Freiheit ohne all die Konsumzwänge zu leben – für uns, unsere Kinder und eine wiedergrüne Welt. Wenn das Ganze dann steht und wir eröffnen, wird es ein klimaneutraler, weitestgehend müllfreier und nachhaltiger Laden. Im dafür angestrebten Laden kommt unsere Vision ins Rollen: so viel zu retten wie nur möglich. Wir wollen beispielsweise Möbel retten. So wirst du den geretteten, gepimpten Stuhl, auf dem du bei uns gerade sitzt, oder den unikatisierten Tisch dazu einfach selbst erretten und für dein privates Inventar kaufen können. Zudem wird es Workshops und Kurse zu den Themen müllfreies Leben, Upcycling, Selbermachen und viele mehr. Geben. Ein Gastroteil mit leckerem, vegetarischem und veganem Angebot aus überwiegend lokalen und regionalen Erzeugnissen macht das Ganze rund. Auch hier geht’s müllfrei und in Mehrwegsystemen zu. Wir werden übriggebliebenes Essen bei Foodsharing anbieten, möchten gern die Idee des suspended coffee integrieren (kauf einen Kaffee und gib einen aus für jemanden, der sich selbst keinen leisten kann) und zukünftig ein sozialer, fairer und grüner Arbeitgeber werden.

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