Landwirtschaft für 821 Millionen

Wie Bauernhöfe alle Hungernden versorgen und die Welt zu einem besseren Ort machen könnten

Wir haben unsere Projektflächen seit jeher – und das heißt immerhin seit einem knappen Vierteljahrhundert! – Fincas genannt. Das spanische Wort für Bauernhof fanden wir von Beginn an passend für unser Konzept, auf einem Fleckchen Land „Grünes“ zu tun. Anfangs waren das vor allem Bäume, die wir pflanzten und pflegten, um einige in Zukunft zu ernten, aber bald waren es auch Kakao und Bananen und sogar Straucherbsen. Wir haben Wald und Landwirtschaft kombiniert – und damit das Rad nicht neu erfunden, sondern einfach nur wieder ins Rollen gebracht. Da gibt es einige Räder mehr, an denen momentan gedreht werden müsste, damit Landwirtschaft für Natur und Mensch rund läuft.

Agroforstwirtschaft ist in Europa wenig bekannt. Dabei war diese Form der Bewirtschaftung, bei der quasi Landwirtschaft unter Bäumen betrieben wird, früher weit verbreitet. Die Vorteile, die sie vor Monokultur und Massenproduktion verlässlich bot, liegen bis heute auf der Hand: Die Bauern bauten Nutzpflanzen im Schutz der Bäume an oder ließen ihre Tiere darunter weiden, versorgten sich mit Lebensmitteln im Jetzt und hatten das Holz der Bäume fürs Morgen. So funktioniert auch eines der ersten Forest­Finance-Projekte, CacaoInvest: Im Schutz von tropischen Bäumen wächst Edelkakao heran, die Investoren profitieren früh von Kakao-Ernten und warten geduldig auf die Ernteerträge der Bäume, die circa 25 Jahre nach Beginn des Investments anfallen.

Im Sommer 2018 haben wir die Idee der Finca, des Bauernhofs weitergeführt: Wir pflanzen in Marokko Dattelpalmen und Oliven­bäume an, pflegen sie nach den Kriterien der biologischen Landwirtschaft und unterstützen so Veränderungen in einem Land, in dem Bio-Anbau selten ist. Wir tun das, weil wir an Veränderungen glauben und daran, dass es eine Wirtschaft geben kann, die Mensch und Umwelt gerecht wird. Noch funktioniert Landwirtschaft weltweit vor allem für die reichen Länder und das auf Kosten von Kleinbauern, armen Regionen und vor allem auf Kosten der Natur. Das wird sich ändern müssen.

Wir sind optimistisch! Denn war beispielsweise Edelkakao in Panama lange kein Thema, hat ForestFinance das geändert: Wir haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Internationale Kakao Organisation, ICCO, Panama als Edelkakao-Produzenten aufgenommen hat. Mittlerweile wird Schokolade aus ForestFinance-Kakao, auf dem internationalen Flughafen in Panama City als landestypische Spezialität verkauft und die panamaische Botschaft in Deutschland hat unsere Pralinen bei wichtigen Anlässen stets dabei. Was also im Kleinen funktioniert, kann Großes bewegen.

 

Landwirtschaft hat sich in Abhängigkeit von Topographie, Boden- und Kulturart, Wetter und lokalen Tradition entwickelt. In dieser Montage stellt die NASA (National Aeronautics and Space Administration) die Unterschiede dar und erklärt: In Minnesota (oben links) spiegelt das Gittermuster die Vermessung des frühen 19. Jahrhunderts wider. In Kansas (obere Mitte) ist die zentrale Bewässerung für das Feldmuster verantwortlich. Im Nordwesten Deutschlands (oben rechts) ist das kleine und zufällige Muster der Felder ein Überbleibsel aus dem Mittelalter. In der Nähe von Santa Cruz, Bolivien (unten links), sind die Kuchen- oder Radialmusterfelder Teil eines Siedlungsschemas, mit jeweils einer Gemeinde im Zentrum. Außerhalb von Bangkok, Thailand (untere Mitte), erscheinen Reisfelder, die ein ausgedehntes, jahrhundertealtes Kanalnetz speist, als kleine dünne rechteckige Felder. Und im Süden Brasiliens (unten rechts) haben billige Landkosten zu riesigen Farmen und Feldern geführt. Jedes dieser Bilder zeigt eine Fläche von 10,5 mal 12 Kilometer. Sie finden sie und weitere Luftaufnahmen der NASA über www.forestfinest.de/go/nasa.
Landwirtschaft hat sich in Abhängigkeit von Topographie, Boden- und Kulturart, Wetter und lokalen Tradition entwickelt. In dieser Montage stellt die NASA (National Aeronautics and Space Administration) die Unterschiede dar und erklärt: In Minnesota (oben links) spiegelt das Gittermuster die Vermessung des frühen 19. Jahrhunderts wider. In Kansas (obere Mitte) ist die zentrale Bewässerung für das Feldmuster verantwortlich. Im Nordwesten Deutschlands (oben rechts) ist das kleine und zufällige Muster der Felder ein Überbleibsel aus dem Mittelalter. In der Nähe von Santa Cruz, Bolivien (unten links), sind die Kuchen- oder Radialmusterfelder Teil eines Siedlungsschemas, mit jeweils einer Gemeinde im Zentrum. Außerhalb von Bangkok, Thailand (untere Mitte), erscheinen Reisfelder, die ein ausgedehntes, jahrhundertealtes Kanalnetz speist, als kleine dünne rechteckige Felder. Und im Süden Brasiliens (unten rechts) haben billige Landkosten zu riesigen Farmen und Feldern geführt. Jedes dieser Bilder zeigt eine Fläche von 10,5 mal 12 Kilometer. Sie finden sie und weitere Luftaufnahmen der NASA hier .

 

Weltweite Landwirtschaft, weltweiter Hunger

Derzeit leiden laut UN-Landwirtschaftsorganisation FAO 821 Millionen Menschen an Hunger. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geht davon aus, dass Wirtschaftskrisen, Klimawandel und der Rückgang der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen die Situation weltweit verschärfen werden und sieht die Lösung des Problems in Investitionen in die Wirtschaft der Entwicklungsländer, um Landwirtschaft und Kaufkraft der Bevölkerung zu stärken.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hingegen sieht in der industrialisierten Landwirtschaft die Ursache für Hungersnöte: „Industrielle, von Konzernen geprägte Ernährungssysteme haben dabei versagt, für alle Menschen eine sichere Versorgung zu gewährleisten. Das wird den Unternehmen auch weiterhin nicht gelingen. Denn die Natur und die Menschen, auf die eine industrielle Landwirtschaft angewiesen ist, werden häufig schwer beschädigt.“ So habe sich beispielsweise mit Monokulturen, modernen Bewässerungssystemen, dem Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden die Produktion von Nahrungsmitteln in den Jahren 1961 bis 2001 im pazifischen Raum, in Südasien, Lateinamerika und in der Karibik verdoppelt. Dennoch wurde der Hunger in diesen Regionen nicht beseitigt. Die Ironie dabei: Kleinbäuerliche Familien machen hier sogar mehr als die Hälfte aller Hungernden aus. Die Böll-Stiftung ist überzeugt, dass es nicht eine Frage der industrialisierten (Massen-)Produktion ist, den Welthunger zu stillen, sondern dass die Lebensverhältnisse und Wirtschaftsweisen der Ärmsten nachhaltig verändert werden müssen. Die Studie finden Sie hier .

 

Landwirtschaft ist noch Teil des Problems, …

… könnte aber Bestandteil der Lösung sein. Noch hinterlässt Landwirtschaft ausgelaugte Böden, die Erntemengen sinken lassen und zu Not und Armut führen. Zudem geht mehr als die Hälfte ihrer Produkte auf dem Weg zum Konsumenten verloren. So hat das Stockholm International Water Institute im Jahr 2008 berechnet, dass die globale essbare Ernte etwa 4.600 Kilokalorien pro Person und Tag entspricht, doch nur etwa 2.000 Kilokalorien pro Person ankommen. 2.600 Kilokalorien gehen wegen schlechter Lagerhaltung, Vertrieb, Transport und der Umnutzung von Kulturpflanzen zu Tierfutter für Menschen verloren. Gäbe es aktuellere Bilanzen, die auch die Agrokraftstoffproduktion einrechneten, bei denen Kulturpflanzen im Tank landen, wären die Verluste noch deutlich höher. Eine regionale Versorgung würde viele dieser Verluste vermeiden und ein umweltschonender Anbau, bei dem der Boden fruchtbar bleibt, würde direkt den Menschen vor Ort nutzen, sich selbst effektiv mit Nahrung zu versorgen.

 

 

Biologische Landwirtschaft für den Klimaschutz

„Landwirtschaft verursacht rund acht Prozent der deutschen Treib­hausgasemissionen, in Verbindung mit dem gesamten Lebensmittelsystem sogar noch viel mehr“, schreibt der „Spiegel“ im extrem trockenen Sommer 2018 und sieht in der Landwirtschaft nicht das Opfer, sondern einen Mitverursacher des Klimawandels. Der Autor spricht sich für eine Umstrukturierung der Landwirtschaft und für Biolandbau-Methoden aus, mit denen systematisch Humus aufgebaut wird, der Nährstoffe und Wasser besser im Boden hält, und betont: „Agroforstsysteme, bei denen Bäume und Sträucher gemeinsam mit unterschiedlichen Früchten auf dem Feld wachsen, kühlen das Mikroklima und halten ebenfalls mehr Feuchtigkeit.“
In der Tat: Bio-Landwirtschaft kann die Lösung vieler Probleme sein. Eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) belegt, dass eine weltweite Umstellung auf biologischen Landbau zu einem umfassend nachhaltigen Ernährungssystem beitragen kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Lebensmittelverschwendung ebenso wie der momen­tan viel zu hohe Konsum tierischer Produkte reduziert werden. Laut FiBL ist so eine Ernährung der Weltbevölkerung auch bei über neun Milliarden Menschen gesichert. Eine Zusammenfassung der Studie finden Sie hier.

Eine Studie des Washingtoner World Resources Institute (WRI) sieht in der Landwirtschaft ein großes Potential, Klima zu schützen und zeigt, wie sich in 30 Jahren zehn Milliarden Menschen nachhaltig ernähren können: „Denn durch Landnutzungsänderungen und Landbewirtschaftung wird schon heute ein Viertel aller Treibhausgasemissionen verursacht, gleichzeitig leidet weltweit jeder Neunte an Unterernährung. Und das Problem wird sich noch verschärfen: Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf beinahe zehn Milliarden Menschen anwachsen. Im selben Zeitraum müssen sämtliche Emissionen auf netto null gesetzt werden, um die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu begrenzen.“ Eine Zusammenfassung der Studie finden Sie bei den Klimareportern.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die belegen, dass umweltfreundliche Landwirtschaft die Produktivität erhöht – so auch das Jena-Experiment. Es beweist, dass die Natur auf Dauer erfolgreicher als Bauern für fruchtbare Felder sorgt, wenn man sie nur lässt. Es wird Zeit, dass diese Forschungsergebnisse – ebenso wie der gesunde Menschenverstand – in nationale wie internationale agrarpolitische Entscheidungen einbezogen werden.

 

Was zeichnet Bio-Landwirtschaft aus?

Biobauernhöfe streben einen möglichst geschlossenen Nährstoffkreislauf an und produzieren Futter- und Nährstoffe vorzugs­weise im eigenen Betrieb. Sie erhalten die Bodenfruchtbarkeit und achten auf eine artgerechte Tierhaltung. Folgende Maßnahmen stehen dabei im Vordergrund:

  • kein Pflanzenschutz mit chemisch-synthetischen Mitteln
  • Anbau wenig anfälliger Sorten in geeigneten Fruchtfolgen, Einsatz von Nützlingen, mechanische Unkraut-Bekämpfungsmaß­nah­men wie Hacken und Abflammen
  • keine Verwendung leicht löslicher mineralischer Düngemittel, Ausbringen von organisch gebundenem Stickstoff vorwiegend in Form von Mist oder Mistkompost, Gründüngung durch Stickstoff sammelnde Pflanzen (Leguminosen – siehe Seite 47) und Einsatz langsam wirkender natürlicher Düngestoffe
  • Pflege der Bodenfruchtbarkeit durch Humuswirtschaft
  • abwechslungsreiche, weite Fruchtfolgen mit vielen Fruchtfolgegliedern und Zwischenfrüchten
  • keine Verwendung von chemisch-synthetischen Wachstumsregulatoren
  • begrenzter, streng an die Fläche gebundener Viehbesatz
  • Fütterung der Tiere möglichst mit hofeigenem Futter, wenig Zukauf von Futtermitteln; weitgehender Verzicht auf Antibiotika

 

betreut seit 2008 das Kundenmagazin ForestFinest und sämtliche Printprodukte als Redakteurin und Autorin. Sie schreibt am liebsten über nachhaltig Gutes, das sich für Mensch und Umwelt rechnet.

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