Die Ökokalypse: NABU-Biodiversitätsexperte Till-David Schade im Interview über das Insektensterben in Deutschland

Foto: ForestFinance/Louisa Lösing
Foto: ForestFinance/Louisa Lösing

Zombies? Vonwegen! Die echte Ökokalypse fängt im Kleinen an – mit dem Verlust unserer Insekten. So lästig diese auch sind, wenn sie uns im Schlafzimmer belästigen, so wichtig sind sie doch, wenn es um unsere Lebensmittelversorgung geht, denn ohne Bestäbung kein Obst und Gemüse. Studien ergaben, dass die Biomasse von Fluginsekten in Schutzgebieten an über 60 Standorten in Deutschland im Laufe der vergangenen Jahre um mehr als 75 Prozent zurückgegangen sein soll, berichtete der NABU im Oktober. Eine erschreckende Zahl. Wir wollten es genauer wissen und haben Till-David Schaden, den Experten für Artenvielfalt des NABU, einige Fragen dazu gestellt.

Unser Interviewpartner: Till-David Schade, Referent für Biologische Vielfalt beim NABU. Foto: NABU

Ein Rückgang der Insekten um rund 80 Prozent seit 1989 – das klingt dramatisch. Wie kommt es, dass das Thema Insektensterben im öffentlichen Bewusstsein erst jetzt angelangt ist?

Eigentlich schwelt das Thema schon seit etwa zwei Jahren im öffentlichen Bewusstsein … Damals wurden erste Teilergebnisse der jetzt veröffentlichten Gesamtstudie bekannt, die Zahl „80 Prozent“ schwirrte durch die Köpfe und wurde oftmals falsch interpretiert. Dann gab es eine Anhörung im Bundestag und schließlich das Antwortschreiben der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen, durch welche die Problematik erneut aufgegriffen wurde. Wie dem auch sei: In diesem Ausmaß wie in den Wochen seit der jüngsten Veröffentlichung, welche die umfassenden Untersuchungsergebnisse aus dem nordwestdeutschen Raum wiedergibt, war das Thema noch nie im öffentlichen Bewusstsein angelangt. Sogar die 20-Uhr-Nachrichten der Tagesschau brachte einen Beitrag, in der Zeit war es Titelthema, Social Media war und ist voll damit. Warum das erst jetzt kommt? Wahrscheinlich einfach deshalb, weil die meisten Insekten unscheinbar sind, den urbanisierten Menschen nicht mehr auffallen und – das ist vielleicht auch eine Tatsache – viele auch nerven, siehe Wespen, Stechmücken etc. Zum Glück sind Insekten aber auch Sympathieträger, siehe Honigbienen und Biene Maja, schöne Schmetterlinge, Grashüpfer etc.

Unsere Lebensmittelversorgung steht auf dem Spiel

Was könnten die Folgen sein?

Die Folgen sind doch in manchen Ländern der Erde bereits jetzt zu sehen! In China, wo mancherorts Obstbäume per Hand bestäubt werden müssen oder auch in Deutschland, wo es immer weniger Insekten gibt, welche landwirtschaftliche Schädlinge auf natürliche Weise minimieren können!

Generell: Die überwiegende Zahl der Wildpflanzen- und Kulturpflanzenarten sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Fallen die Insekten weg, gerät dadurch nicht nur die Aufrechterhaltung unserer natürlichen Vegetation in Gefahr, sondern natürlich auch die Sicherheit unserer Lebensmittelversorgung. Daneben sind Insekten – welche die größte, also artenreichste Klasse unter den Tieren darstellen – überhaupt für die Aufrechterhaltung grundlegender ökosystemarer Prozesse verantwortlich: Sie zersetzen Aas, sind wichtige Humusbildner, dienen den meisten Vogelarten als Nahrungsgrundlage sowie weiteren Tieren wie Kleinsäugern, Reptilien, Amphibien …


Auch die Tagesschau berichtete über das Insektensterben. Video: Tagesschau

 

Wo sind Ihrer Meinung nach die die Ursachen zu suchen?

Es gibt voraussichtlich eine ganze Palette an Ursachen. Dazu zählt der nach wie vor hohe Grad der Flächenversiegelung in Deutschland, wodurch schlichtweg Lebensräume verloren gehen, auch Fragmentierung durch Infrastrukturvorhaben, Siedlungs- und Gewerbebau etc. spielen eine Rolle, ebenso wie Lichtverschmutzung. Aus Sicht des NABU trägt jedoch die intensive Landwirtschaft einen großen Teil der Verantwortung für den Rückgang von Insekten, generell des Rückgangs der biologischen Vielfalt. Über 50 Prozent der Fläche hierzulande werden landwirtschaftlich genutzt, da ist es ja kein Wunder, dass die wesentlichen Ursachen hier zu suchen sind: Ein hohes Maß an Pestizideinsatz und die Ausbringung von Dünger, aber auch die Flurbereinigung und hohe Nutzungsintervalle im Grünland sind für Insekten enorm lebensfeindlich.

„Diejenigen, die sich unmittelbar durch mögliche Gegenmaßnahmen betroffen fühlen, schreien meist am lautesten auf.“

Einige Vertreter der Landwirtschaft weisen bereits jegliche Schuld von sich und möchten erst einmal unwiderlegbare Beweise. Was sagen Sie dazu?

Viele Landwirte fühlen sich teilweise zurecht an den Pranger gestellt und meinen, dass es ja noch andere Faktoren gibt, was ja auch stimmt. Außerdem gibt es ja nicht „den Landwirt“ – das ist ein sehr heterogener Berufsstand, die lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Viele Landwirte, dazu zählen insbesondere all jene, die nach ökologischen Prinzipien wirtschaften, setzen eine Vielzahl wertvoller Naturschutzmaßnahmen um, die auch Insekten zugute kommen. Aber die Schuld gänzlich von sich zu weisen ist in etwa so unsachlich, als würde sich die PKW-Industrie nicht mit Fragen der Luftreinhaltung beschäftigen wollen, mit dem Argument, dass es ja noch andere Emittenten gibt … Und war das denn zu Beginn der Klimadebatte nicht ähnlich? Diejenigen, die sich unmittelbar durch mögliche Gegenmaßnahmen betroffen fühlen, schreien meist am lautesten auf. Am Ende werden es hoffentlich auch die Spitzen der Bauernlobby verstanden haben, dass Insekten ohne ihr Mitwirken nicht zu retten sind.

Ohne Insekten keine Bestäubung. Foto: ForestFinance/Louisa Lösing
Ohne Insekten keine Bestäubung. Foto: ForestFinance/Louisa Lösing

Andererseits ist die Forderung nach mehr Beweise durchaus gerechtfertigt: Wir haben es tatsächlich mit einem enormen Datenproblem zu tun – uns fehlen sie schlichtweg größtenteils. Deshalb müssen auch mehr Forschungsgelder in ein Insektenmonitoring gesetzt werden, damit Insektenvorkommen nicht nur bundesweit und langfristig untersucht werden, sondern auch Ursachenforschung betrieben werden kann.

Welches sind die wichtigsten Maßnahmen, um den Insektenbestand in Deutschland zu retten? Ist der Trend noch umkehrbar oder wenigstens zu stoppen?

Vordergründig muss die Landwirtschaft naturverträglicher werden. Da kommen wir um eine Verschärfung des Ordnungsrechts – wie zum Beispiel strengere Bewirtschaftungsvorschriften in Schutzgebieten oder strengere Auflagen zum Pestizideinsatz, aber auch um eine grundlegende Reformierung der Subventionspolitik auf Bundes- und EU-Ebene – nicht drumherum: Landwirte, die etwas für die Natur tun wollen, sollen dafür auch ausreichend finanziell entlohnt werden; zugleich sollen diejenigen Landwirte, die nur das Ordnungsrecht einhalten, aber darüber hinaus nichts tun wollen, zukünftig auch nicht mehr durch Steuergelder grundfinanziert werden.

WildeBuche: „Der Wert solcher Projekte ist unschätzbar wichtig.“

Insekten willkommen: das Waldschutzprojekt WildeBuche und der Waldfriedhof FinalForest stellen allten Laubwald in der Eifel unter Schutz. Foto: ForestFinance
Insekten willkommen: Das Waldschutzprojekt WildeBuche und der Waldfriedhof FinalForest stellen allten Laubwald in der Eifel unter Schutz. Foto: ForestFinance

Wie schätzen Sie den Wert von Waldschutzprojekten wie WildeBuche, das einen unbewirtschafteten Wald in der Eifel mit bis zu 300 Jahre alten Buchen unter Schutz stellt, in Sachen biologischer Vielfalt ein?

Der Wert solcher Projekte ist unschätzbar wichtig. Um biologische Vielfalt zu schützen und zu fördern benötigen wir unbedingt weitere langfristig und vor äußeren Einflüssen ausreichend gesicherte Schutzgebiete, wo sich die Natur und evolutionäre Prozesse frei entfalten können! Auch der NABU verfolgt mit dem Speicherwald-Projekt oder dem Projekt „Wertvoller Wald“ das Ziel der Förderung von Naturwäldern in Deutschland.

Was kann jeder Einzelne tun, um das Insektensterben aufzuhalten?

Wer einen Garten hat, soll ruhig mal eine wilde Ecke stehen lassen und nicht mähen, Blühmischungen aussäen oder – passend zum Herbst – das Laub nicht entsorgen, sondern Haufen anlegen, da dort viele Insektenarten überwintern. Auf den Einsatz von Pestiziden im Haus- und Kleingartenbereich sollte natürlich gänzlich verzichtet werden. Und das Aufstellen eines „Insektenhotels“ ist ebenfalls eine einfache Maßnahme. (Anm. d. Redaktion: Tipps für einen insektenfreundlichen Garten finden Sie bei uns im Blog.)

Auch unser Konsum spielt natürlich eine wichtige Rolle: Durch unser Konsumverhalten tragen wir auch indirekt dadurch bei, wie die Welt um uns herum aussieht. Generell gilt die Devise: Ökologisch produzierte Nahrungsmittel sind natur- und umweltverträglicher, also auch insektenfreundlicher produziert worden als Konventionelles. Gutes kostet eben, und der Erhalt unserer Welt ist nicht zum Nulltarif zu haben. Übrigens: Eine kürzlich vom NABU beauftragte repräsentative Umfrage brachte das Resultat, dass 74 Prozent der deutschen Bevölkerung bereit wären, für glyphosatfrei produzierte Lebensmittel einen höheren Preis zu zahlen.

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