Fünf Fragen an: Gavin Munro, den Möbelzüchter

Gavin Munro mit einem seiner gezüchteten Lampenschirme. Foto: privat
Gavin Munro mit einem seiner selbstgezüchteten hölzernen Lampenschirme. Foto: privat

Möbel einfach wachsen lassen? Der Brite Gavin Munro tut genau das – mit Erfolg. Wir haben den Möbelzüchter gefragt, wie aus Ästen ganze Stühle und Tische werden, die völlig ohne Schrauben auskommen.

Sie züchten Möbel aus Bäumen. Wie funktioniert das?

Ganz langsam! Full Grown ist eine neue Herstellungsmethode für Objekte und Strukturen. Im Wesentlichen nutzen wir die Photosynthese, um die Dinge zu erschaffen, die wir brauchen. Das ist sehr klimafreundlich und eine spannende Möglichkeit, Artenschutz und wertvolle Tierkorridore in den Herstellungsprozess einzubinden.

Unser Ziel ist es, Techniken zu entwickeln, die langlebige, nützliche und schöne Strukturen schaffen, indem wir möglichst subtil Einfluss auf die natürliche Umgebung nehmen. Wir gebrauchen althergebrachte Techniken wie das Zurückschneiden, die Veredelung und das Anlegen von lebendigen Zäunen und Spalieren, um die Natur in eine etwas neue Richtung lenken.

Neue Äste haben die Fähigkeit, sich zu einer Stelle zu biegen, an der sie das meiste Licht bekommen. Wir passen dies einfach so subtil wie möglich an.

Es ist eine Art Zen-3D-Druck in Kombination mit Bonsai-Techniken. Aber eigentlich ist es ganz einfach: Wir lassen Äste wachsen, formen und veredeln sie zu Stühlen, Tischen, Lampen und Kronleuchtern, die, weil sie in einem soliden Stück gewachsen sind, hoffentlich irgendwann die Kapazität haben, für Hunderte von Jahren zu halten.

Seine Jugend verbrachte Gavin Munro zum Teil im Krankenhaus, ein unerwarteter Quell für seine spätere Inspiration, Möbel wachsen zu lassen. Foto: privat
Seine Jugend verbrachte Gavin Munro zum Teil im Krankenhaus, ein unerwarteter Quell für seine spätere Inspiration, Möbel wachsen zu lassen. Foto: privat

Wie ist Ihnen diese Idee gekommen?

Ich bin nicht die erste Person, die diese Idee hat, ich bin nur in die Fußstapfen anderer getreten.

Der erste Samen wurde gesät, als ich als Kind die Silhouette eines überwucherten Bonsaibaums sah, der einem Thron ähnelte, und das Bild blieb mir.

Zeit, die ich in einem Krankenhaus verbrachte, wo meine Wirbelsäule begradigt wurde, war ebenfalls sehr informativ. Ich hatte das Glück, ein Fenster mit Waldblick zu haben und war von der Freundlichkeit und Effizienz der Krankenschwestern tief beeindruckt. Auf diese Eigenschaften wollte ich auch hinarbeiten.

Nachdem ich mich im Rahmen meines Möbeldesign-Studiums an der Leeds Metropolitan University mit dem Lebenszyklus von Materialien beschäftigt hatte, zog ich schließlich nach San Francisco und fertigte Treibholzmöbel am Strand. Es gab einen Moment, in dem mir klar wurde, dass es Sinn macht, den Baum direkt in die gewünschte Form – zum Beispiel in die eines Stuhles – zu bringen und dann, nach der „Ernte“ der Stühle, bestimmte Baumarten wieder für einen anderen Stuhl nachwachsen zu lassen!


Das Promo-Video zeigt, wie Gavin Munro Möbel wachsen lässt. Video: Full Grown

 

Bäume säen, Stühle ernten

Gab es Probleme und Herausforderungen auf Ihrem Weg?

Ha, ha, ha! Natürlich! Die Einrichtung eines Möbelgartens ist eine endlose Herausforderung.

Auch mit dem weltweit gezeigten Interesse Schritt zu halten, ist eine Herausforderung. Wir würden gerne an so vielen Projekten und Kooperationen teilnehmen, viele weitere Arten ausprobieren, uns mit Wissenschaftlern, Gartenbauern, Künstlern und Designschulen zusammenschließen, aber es gibt nicht genug Stunden am Tag, um alles zu tun.

Auf der Produktionsseite haben wir 500 Objekte in unterschiedlichen Wachstumsphasen, was ungefähr 50.000 Äste bedeutet, die wir haben wollen, und 500.000, die weg müssen! Zu beurteilen, welche Äste die richtigen sind und wann sie geformt werden müssen, bereitet dauerhaft Vergnügen. Der gesamte „Abfall“ wird auf dem Boden zurückgelassen, um Mulch zu liefern, und umso biodiverser das Feld ist, desto besser ist die Gesundheit der Bäume. Dies ist ein großartiges Zuhause für Wildtiere. Wir ergänzen es ständig mit Wildblumen, die zur Bodengesundheit beitragen und Bestäubern Nahrung bieten. In diesem Jahr haben wir auch einige Igel aufgenommen.

Auf der offiziellen Geschäftsseite passen wir ständig „nicht in die richtige Schublade“. Ist es zum Beispiel Landwirtschaft oder Kunst? Produzieren oder ernten wir Stühle?

Einer von Munros Stühlen ist im Museum of Scotland ausgestellt - eine große Ehre. Foto: privat
Einer von Munros Stühlen ist im Museum of Scotland ausgestellt – eine große Ehre. Foto: privat

Selbst Punkte wie der Abschluss einer Versicherung waren anfangs schwierig, da die Organisation wie eine Mischung aus Weinberg, Wald und Kunstprojekt ist. Und den Preis unserer Produkte zu bestimmen … Wir wollen keinen hohen Preis verlangen, aber so können wir mit der sehr langsam fortschreitenden Forschung und Entwicklung fortfahren, die notwendig ist, um zu lernen, wie man einen Stuhl wachsen lässt.

Die tägliche Konfrontation mit Designentscheidungen, die man vor sechs Jahren getroffen hat, wenn man ständig mehr und mehr über die Vorgänge der gartenbaulichen und botanischen Welt lernt, ist an manchen Tagen auch eine echte Herausforderung. Wenn man etwas Neues entwickelt, weiß man auch nicht, wo die Wissenslücken sind, und so gibt es meist zehn- bis fünfzehnmal am Tag eine neue Herausforderung!

Ein schöner Moment: In einem heranwachsenden Lampenschirm hat sich eine Vogelfamilie niedergelassen. Foto: privat
Ein schöner Moment: In einem heranwachsenden Lampenschirm hat sich eine Vogelfamilie niedergelassen. Foto: privat

Was war bisher die beste Erfahrung als Möbelzüchter?

Es waren drei.

1. An diesem Tag kaufte das National Museum of Scotland ein Stück für seine permanente Sammlung. (In der Nähe der Lewis Schachfiguren ausgestellt zu werden, ist eine große Ehre.)
2. Endlich die Angst vor öffentlichem Reden zu überwinden und eine Grundsatzrede vor der Europäischen Akademie für Design in Rom zu halten.
3. Das Beste von allem war jedoch der Tag, an dem wir feststellten, dass Vögel sich entschieden hatten, in einer unserer Lampen zu nisten, die im Möbelgarten wachsen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Unsere Zukunftsziele sind eigentlich ganz einfach. Wir wollen das Potenzial der subtilen Fertigung und des „gesteuerten Wachstums“ entwickeln. Schließlich planen wir den Übergang von einer Aktiengesellschaft zu einem Sozialunternehmen.
Der Himmel ist hier wirklich die Grenze, und das Potenzial ist atemberaubend, aber wir müssen gehen, bevor wir laufen können.
Aus diesem Grund vermeiden wir traditionelle Shareholder Investments und bereiten derzeit eine Crowdfunding-Kampagne zum Verkauf von „Shares in Chairs“ vor, bei der Unterstützer und Investoren die Einnahmen aus dem Verkauf unserer ersten 180 Stühle, die auf dem freien Markt erscheinen, teilen können. (Für weitere Informationen können Sie den Newsletter im Footer der Website www.fullgrown.co.uk abonnieren.) Wir versuchen, Mittel zur Deckung unserer Kosten bis zu den ersten bedeutenden Ernten aufzubringen. Wenn wir dann in diese Phase gekommen sind und unsere Stühle für das, was auf dem freien Markt realisiert werden kann, verkaufen, können wir anfangen, die Dividenden an die Investoren zurückzuzahlen.
Wir nannten diese Spendenaktion zunächst „Shares in Chairs“, aber eigentlich sind es eher „Tranches in Branches“. (2.160 Branches oder Äste, um genau zu sein.)
Langfristig ist es unser Ziel, eine eigene Farm aufzubauen, in der wir das organisierte Waldökosystem vollständig entwickeln und mehr Besucher, Forscher und Studenten einladen können, um das volle Potenzial auschzuschöpfen. Wir möchten unsere eigene Schmiede haben, um Werkzeuge auf der Grundlage der Kanna-Hobel aus Japan herstellen zu können, die dem Holz ein noch glatteres Aussehen verleihen. Wir sind bereits im Gespräch mit Design-Schulen und entwickeln unseren eigenen Lehrplan, um dies weiter in die Welt zu tragen.

Wir sind uns jedoch bewusst, dass es sich um ein generationsübergreifendes Projekt handelt, und es könnte Jahrzehnte dauern, bis die tatsächlichen Möglichkeiten für eine so flexible und nützliche Technik erschlossen sind. Erst einmal beginnen wir mit Stühlen, Lampen und Tischen.

Umzäunung aus lebendem Gehölz nach Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie. Band 16, Berlin 1787 (Figur 856)
Umzäunung aus lebendem Gehölz nach Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie. Band 16, Berlin 1787 (Figur 856)

Schon gewusst?

Gavin Munro wendet eine alte Technik an, die in Großbritannien als „Hedgelaying“ bekannt ist und in Deutschland etwa dem „Gebück“ oder auch Knick, Geknick, Hag, Gehag entspricht. Junge Bäume werden dabei nach unten gebogen und miteinander verflochten, sodass Schutzwälle oder lebende Zäune entstehen. Hierzulande wandten die alten Preußen die Methode an; heute sieht man sie gelegentlich noch auf Weiden oder alten Bauerngärten zum Beispiel in Freiluftmuseen.

 

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Online Redaktion | Übersetzung | kristin.steffan@forestfinance.de

Kristin Steffan schreibt seit mehr als zehn Jahren für ForestFinance – am liebsten über Themen rund um Umweltpädagogik, Klimaschutz und Biodiversität.

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